Vor dem Frühling

Drama, Georgien/Deutschland/Frankreich/Tschechische Republik 2017, 97 min

Ein Mann auf der Flucht: Zviad Gamsakhurdia (Hossein Mahjoub), der erste Präsident Georgiens verlässt den Hubschrauber, der ihn in die Berge brachte, und steckt mit den Füßen im Schlamm fest. Ein einfaches Bild, das alles enthält. »Vor dem Frühling« ist die Tragödie eines ehemaligen Schriftstellers, der sein Land nach Rudolf Steiners Prämissen umzugestalten versuchte und zum Nationalisten wurde. Die Gedanken sind frei, die Zwänge der Macht etwas ganz anderes. Nach seiner Entmachtung treiben ihn Verfolger durch wilde Bergregionen, um sich hat er nur eine Handvoll treuer Gefolgsleute. Der Präsident beginnt seinen letzten Mitstreitern zu misstrauen. Die Natur als praktischer Fluchtort vor der Revolte und als idealisierter gedanklicher Fluchtpunkt erweist sich zunehmend als feindlich. Gamsakhurdia, gepeinigt von der bedrohlichen Situation und dem Machtverlust, ist zerrissen zwischen seinen moralisch-philosophischen Grundsätzen und dem aggressiven georgischen Nationalismus, den er verantwortete. Der unaushaltbare Widerspruch treibt den Philosophen-Präsidenten in den Wahn. Was ist Traum, was Wirklichkeit?
Regisseur George Owaschwili geht es weniger um die politische Dimension der Geschehnisse während der georgisch-ossetischen Sezessionskonflikte zu Beginn der 1990er Jahre. Er erzählt vielmehr eine poetische universelle Geschichte über die Auswüchse der Macht, menschlichen Widerstandswillen und über die Schönheit und Gewalt der Natur, für die Kameramann Enrico Ludici stille, beeindruckende Bilder findet.
Khibula, so der Originaltitel des Filmes, ist der Name des Dorfes, in dem der erste Präsident Georgiens unter bis heute ungeklärten Umständen ums Leben kam.
Grit Dora