TRAILER

Reise nach Jerusalem

Drama/Komödie, Deutschland 2018, 118 min

»Reise nach Jerusalem«, dieses Spiel, das alle kennen, weil es auf der ganzen Welt gespielt wird, in jedem Lebensalter vom Kindergarten bis zum Seniorenheim. Ein Spiel, das Spaß macht, solange man auf einem Stuhl landet und nicht daneben. Ein Spiel, für das es Schnelligkeit, vor allem aber Glück braucht. Wenn Du nicht am richtigen Platz landest, gehst Du leer aus.
Regisseurin und Drehbuchautorin Lucia Chiarla nutzt »Reise nach Jerusalem« als Metapher, um das Ringen um die Existenz zu zeigen, wenn man einmal neben dem Stuhl gelandet ist, die Schwierigkeiten, wieder auf den Markt zu kommen. Hast Du keine Arbeit bist Du nix. Sie führt die teils sinnentleerten Mechanismen von Jobcentern vor, ihre absurd wirkenden Regeln, an die sich alle halten müssen, die auf staatliche Leistungen angewiesen sind.
Fallbeispiel ist Alice (Eva Löbau), Ende dreißig und arbeitslos nach dem Jobverlust in einer Werbeagentur. Sie schlägt sich als Freitexterin durch und tanzt regelmäßig auf dem Amt vor, wo sie zur Teilnahme an Bewerbungstrainings verdonnert wird - andernfalls droht die Kürzung oder Streichung der Stütze. Alice braucht nicht lange, um zu checken, dass die ganzen Trainings bloße Beschäftigungsmaßnahmen sind und sie sich damit nur im Kreis bewegt - kein Ausgang aus der Warteschleife in Sicht.
Sie aber will wirklich wieder Teil des Spiels sein, nicht auf dem Abstellgleis landen. Dafür tut Alice alles: Früh aufstehen, ständig bewerben, Konto checken, miese Nebenjobs machen, Benzingutscheine verticken, den Freunden klarmachen, wie toll ein freiberufliches Leben ist. Die Fassade aufrechterhalten. Sauschwer das. Wie selbstgefällig die wirken, die in Lohn und Brot sind, die Beamten wie die Freunde. Alice steht dann irgendwann auf und rennt aus dem zigsten Sinnlosseminar. Prompt gibt’s weniger Kohle. Lucia Chiarla zeigt in ihrem Film eine Frau, die um ihre Würde kämpft, selten aufgibt und trotz allem das Leben genießen will. Eine moderne Variation auf Falladas „Kleiner Mann, was nun“. Die Alleinlebenden-Version. Harter Stoff, aber liebevoll gezeichnete Figuren. Das Leben ist schon komisch. Und Alice schafft es immer wieder, auch Spaß zu haben. Wenn die Kohle schon so lange nur für Knäcke reicht, klaut sie eben einem Kind die Kekse.
Grit Dora