Brinkmanns Zorn

Drama, Deutschland 2006, 105 min

Ein Mann im Trenchcoat schimpft übers Wetter, speziell den schmutzigen Himmel über Köln. Er verflucht ihn und schreit dabei in ein Mikrofon: „Ein gelber schmutziger Himmel… ein mieser gelber, dreckiger, schmutziger Kölner Himmel, ein mieser Himmel, ein verdammter Scheißdreck von Himmel, ein mieser gelber schmutziger Kölner verfluchter, elender Kackhimmel, ein von Lichtfetzen verkackter Himmel.“ Das Tonbandgerät geschultert, streift er durch die Straßen, kommentiert ohne Atem zu holen, was er sieht. Für ihn ist die Welt aus den Fugen geraten. Die Gegenwart ist Unsinn. Grau und mürrisch. Seine Sprache kämpft dagegen an. Gegen grauen, mürrischen Unsinn. Gegen einen kleinen mürrischen Park, das Ufer vom Rhein. Grau. Alles fliegt durcheinander. Vögel bedecken den Himmel, Brotkrumen landen im Wasser. Geräusche passieren gleichzeitig. Alles passiert gleichzeitig. Bloß Worte stehen nacheinander, geschrieben, ja. Bis Rolf Dieter Brinkmann sie durcheinander wirbelt. Sie schneidet, würfelt und neu verknetet. Weil Sprache für ihn in den frühen Siebzigern nicht mehr zur Welterkenntnis taugt. Sie hält einfach nicht mit. Falsch. Die Dichter halten nicht mit. Oder ist die Gegenwart einfach zu knapp bemessen, so dass man sich zwangsläufig jeden Tag an ihr verletzen muss? Brinkmann hetzt weiter. Windet sich, quengelt und hört doch am liebsten die Stille.
Heiner Müller nannte Brinkmann (1940 - 1975) das „vielleicht einzige Genie der westdeutschen Nachkriegsliteratur“. Als experimentierfreudiger Undergroundlyriker gerühmt, scherte er sich nicht um die Vorwegnahme der „Erfindung Popliteratur“, sondert schrieb, schabte und rappte, wie kein Anderer vor ihm. Im Grunde war er einfach nur dort, wo andere nicht waren. Wo es funkt. Steckte seine Nase da hinein, wo es blitzt, wo es hell wird. Kratzte wie wild an den Oberflächen, egal ob diese poliert oder verkrustet waren. Er schabte mit seinem Mikrophon tiefer, schürfte immerzu nach mehr als dem „was immer schon da“ war. Im Herbst 1973 beauftragt ihn der WDR mit einem „maximal einstündigen“ Selbstporträt. Er füllte 30 Tonbänder mit einer Collage aus Realität. Brinkmann inklusive. Auf den Streifzügen durch die Stadt produzierte er Text, nicht schreibend, sondern sprechend, unaufhörlich, ohne Punkt und Komma. Diese Aufzeichnungen aus seinem Nachlass bilden die Grundlage für den Film, der eine ungewöhnliche Mischform aus schauspielerischer Inszenierung mit dokumentarischem Material darstellt. Denn was man im Kino hört, sind diese Bänder. Zu sehen ist jedoch der Schauspieler Eckhard Rohde, der lippensynchron zu Brinkmanns Kaskaden agiert. Abwechselnd beschimpft er die Realität, exakt mit jener existenziellen Wut und Enttäuschung, die Brinkmann so auszeichnete, und dann wieder streichelt er liebevoll die sprachgestörte Seele seines neunjährigen Sohnes Robert. Immer auf der Suche danach, Verwirrung zu stiften. Er will Aufruhr unter den Geräuschen! Um einmal den Geist zu provozieren, der allem inne wohnt. „Break On Through To The Other Side“ singt ein recht berühmter Dichterkollege zur selben Zeit. Doch nix tut sich auf der anderen Seite…
Oder etwa doch? Der zärtlich forschende Familienvater lässt den Zorn für kurze, wundervolle Momente fahren, wenn er seinen Sohn um nur einen einzigen Gefallen bittet: „Los, sag doch was!?“ Für Sekunden lüftet sich der Schleier, den Brinkmann sein Leben lang zu zerreißen suchte, wenn Robert seinem wortgewandten Vater nacheifert. Bloß schneidet und knetet Robert mit einem anderen Maß. Das Ergebnis ist dasselbe. Eine Collage, die Lust am Laut, Momente konkreter Poesie. Oder einfacher; die Beschreibung erlebter Realität. Angefüllt mit furiosen Kaskaden lustvoller Verweigerung und einer Flut nicht zustellbarer Beschwerden. Ein Film, der auf der Seele eine zornige Gänsehaut hinterlässt.

Buch: Harald Bergmann

Regie: Harald Bergmann

Darsteller: Eckhard Rhode, Alexandra Finder, Martin Kurz, Rainer Sellien, Isabel Schosnig, Baki Davrak

Kamera: Elfi Mikesch

Produktion: Bergmann Filmproduktion, Margot Schmidt-Reichart, Wilfried Reichart

Bundesstart: 11.01.2007

Start in Dresden: 01.03.2007

FSK: ab 12 Jahren