Martin Eden

Drama, Italien 2020, 105 min

Der einfache Seemann Martin Eden (Luca Marinelli) findet in Neapel Zugang zur bürgerlichen Gesellschaft, als er dem Adeligen Arturo (Giustiniano Alpi) bei einer Schlägerei zur Seite springt. Eine Geste des Dankes führt ihn zu Arturos Familie, wo er augenblicklich gefesselt ist vom Anblick Elenas (Jessica Cressy), Arturos Schwester, derentwegen Eden fortan die Nähe zum Hause Orsini sucht. Wo er sich wiederholt eines obszönen Gelächters aussetzt, welches dem Ungebildeten hier zuteil wird. Jack Londons autobiografischste Geschichte will, dass der Seemann aber sein Glück versucht. Indem er sich Bildung aneignet, in Wort und Schrift zunächst, später auch aus erster Hand, durch die Anschauung der Welt. Sein Wunsch, unter all diesen gebildeten Menschen selbst Schriftsteller sein zu wollen, erregt erneut arrogante Heiterkeit. Das Magenknurren bringt ihn allemal näher an die erzählenswerten, gesellschaftlichen Brennpunkte, und der darauf folgende Ruhm zugleich wieder weit weg davon. Wenn der Erfolg seines ersten Romans die Arroganz seiner Peiniger in Bewunderung verwandelt, wenn Elenas soziale Herkunft seine Seele schwerer belastet, als ihre Gunst sie zu heilen vermag und wenn der aufkeimende Faschismus nach Martins Stift greift…
Zeitlos und brisant wirkt Jack Londons Werk in den Händen des italienischen Regisseurs Pietro Marcello auch, weil er dessen Geschichte quer durch ein Europa des 20. Jh. schickt und es dem Zuschauer dabei versagt, Zeit oder Ort ergründen zu können. Im Gegenteil, das Universelle des sozialen Dramas beginnt in den italienischen Vorstädten des Neorealismus und den Villen der Aristokratie um so heller zu leuchten. Man mag gar nicht gleich vermuten, welch brisante Aktualität Jack Londons Roman birgt, der immerhin vor über einhundert Jahren erschien und dessen Handlung bereits zu dieser Zeit vage durchs vorige Jahrhundert mäanderte.
Alpa Kino