Platte mit Aussicht - Über das Neubaugebiet Dresden-Gorbitz

Dokumentation, Deutschland 2005, 80 min

Gorbitz ist mehr als nur der Name eines Dresdner Stadtteiles. Der Name steht auch für eines der größten Neubaugebiete der DDR und für Plattenbau im Allgemeinen (den es übrigens nicht nur im Osten der Republik gab, auch die Architektur und Stadtplanung der BRD war stark von Moderne und Funktionalismus, dem Wahn, Arbeit und Wohnen strikt zu trennen geprägt). Und dabei sieht man sich sofort mit einer Unmenge von Klischees konfrontiert. Denen man zustimmen oder die man ablehnen kann. Aber, und das macht die Sache auch so interessant, die jedem, ob Bewohner eines Neubaugebiets oder nicht, bewusst sind.
Uta Hergert und Marcel Raabe gelingt es, daraus einen sehenswerten Dokumentarfilm über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Gorbitz´ und eines Neubaugebietes im Allgemeinen zu schaffen. Statt dem Abfilmen nicht mehr vorhandener Tristesse oder neugewonnenem Schick entsteht ein Geflecht aus Interviews mit den Planern, Bewohnern und Verwaltern dieses Stadtteiles und subjektiver filmischer Collagen mit literarischen Texten und einer eigens komponierten Filmmusik. Entstanden ist eine komplexe Dokumentation mit zwei erzählerischen Hauptsträngen, die sich in vier Abschnitte gliedert. Zum einen der subjektive Versuch, das Aufwachsen in einem Neubaugebiet zu schildern, eine Auseinandersetzung mit der eigenen Kindheit/Jugend und zum zweiten den Versuch, geschichtliche und soziologische Zusammenhänge darzustellen, sozusagen Stadtgeschichte zu dokumentieren.
Insgesamt wurden dabei etwa 60 Stunden Filmmaterial in den Gesprächen mit mehr als 40 Interviewpartnern gefilmt. Die Interviewten stammen aus allen Bereichen: angefangen bei den Planern und Architekten, über Pfarrer, Lehrer, Jugendhaus- und Clubleiter, Kneipenbetreiber, Hausmeister, Wohnungsverwalter, zu jetzigen und ehemaligen Bewohnern aus unterschiedlichen Generationen zu unterschiedlichen Zeiten.
“Wir - die Autoren - sind im Neubaugebiet Dresden-Gorbitz aufgewachsen. Wir sind die Kinder der hoffnungsfrohen Erstbezieher, waren von frühester Kindheit bis zur späten Jugend hier. Die Bilder unserer Kindheit, Prägungen, biographische Wegmarken und Initiationen, die ‘Hintergrundbemalung unserer Erinnerungen’ sind gebunden an diesen Ort. Das macht ihn für uns bedeutsam - wie für jeden anderen der Ort seiner Kindheit bedeutsam ist.“
„Nun ist die Sache in Gorbitz die: entstanden auf dem Reißbrett, gebunden an ein Gesellschaftssystem, vollendet bei dessen Zusammenbruch. Das hat der Stadtteil mit zahlreichen Neubaugebieten in Ostdeutschland gemein. Und das hat Folgen. Dass ‘Stadt’ Mechanismen und Gesetzen folgt, von Nichtmateriellem abhängt, nicht einfach nur da ist, scheint an Neubaugebieten wie Gorbitz gleichsam in einer Laborsituation beobachtbar.
Ein Film schien uns das geeignete Mittel, dies alles darzustellen. Inzwischen ist klar, dass das ein anderthalbstündiger Film nicht leisten kann. Vom Denkmalhaften, Manifesten mussten wir uns verabschieden: Die Geschichte eines Stadtteils ist immer Prozess, bleibt diffus, lässt sich nicht auf bloße kausale Zusammenhänge reduzieren.“