Midnight in Paris

Komödie, Spanien/USA 2011, 95 min

Unser aller leptosomer, Klarinette spielender und Jungdamen beglückender Großstadtneurotiker hat dem Kino eine weitere Hommage an die Stadt der Liebe geschenkt und lässt sein »The Purpel Rose of Cairo« über die Projektionswand grinsen, um sich letzten Endes auch ein bisschen selbst zu hommagieren.
Gil (Owen Wilson) ist ein erfolgreicher Drehbuchautor in Hollywood, dem es schon lang nicht mehr genügt, sehr gut im Geschäft zu sein. Gil möchte eigentlich ein anerkannter Schriftsteller sein und verehrt die Künstler des Paris der goldenen 20er. Hemingway, Fitzgerald, Gertrude Stein sind seine Idole. Gil will nun unbedingt sein altes Leben, sehr zum Missfallen seiner Verlobten Ines (Rachel McAdams) und seiner zukünftigen Schwiegis, hinter sich lassen, um die erträumte Vorstellung einer angesehenen Schriftstellerkarriere plus eines Romans im Paris der 20er Jahre in die Wirklichkeit umzusetzen. Aber erstmal wird zum Anschnuppern to good old Europe gereist, um Ines ein bisschen die Stadt seiner Sehnsüchte schmackhaft zu machen. Eine Stadt, in der zu mindest der allgemeine Kraftverkehr flotter von statten geht als in Dresden. So richtig teilen kann sie aber auch dort seine 20er Jahre-Boheme-Schwärmereien nicht, welche in der differenzierten Ausübung eines geplanten Parisabends gipfelt. Ines geht tanzen und Gil genervt spazieren. Kurz nach Mitternacht hält vor Gil eine sehr alte Limousine und ein unbekannter Mann bedeutet ihm einzusteigen. Ohne groß nachzudenken und auch schon ein bisschen angetütert nimmt Gil die seltsame Einladung an. In einer Bar angekommen, traut er seinen Augen nicht. Da es sich hier offensichtlich um keine Doubleveranstaltung von RTL2 handelt, sondern er sich tatsächlich in einer Bar mit Hemingway, Picasso, Uwe Tellkamp, Cole Porter, Dali usw. befindet, kann es nur einen Rückschluss geben! Er befindet sich in seinen ersehnten 20ern und spricht mit diesen berühmten Leuten über seinen Roman, die das nicht im Geringsten verwunderlich finden. Natürlich ist früh, wie bei Grimms, alles wieder vorbei, doch die nächste Nacht lockt bereits. Doch irgendwann muss aber auch er sich entscheiden, wo er hingehört. Eine Erkenntnis, die bereits 44 Jahre zuvor der Oktoberklub in kluger sozialistischer Voraussicht zum Liedthema machte. Wenn das der Karl-Eduard wüsste!
Ray van Zeschau (Parisaufenthaltler 1994)