Lollipop Monster

Drama, Deutschland 2011, 93 min

Teenie sein? War schrecklich, gut dass das vorbei ist! Noch besser, wenn es später gelingt, Geschichten zu erzählen, die das Gefühl wieder aufleben lassen: Eltern, für die der böseste Blick noch zu nett ist, Geschwister, die mehr Aufmerksamkeit erhalten als man selbst, eine beste Freundin, bei der man sich ausheulen kann. Und die einen hoffentlich nicht hintergeht.
»Lollipop Monster« sollte man auf keinen Fall für einen Teenie-Problem-Film halten, dazu ist er viel zu ungewöhnlich. Das fängt schon bei den formalen Mitteln an, mit denen hier erzählt wird: düster-schwarze Comiczeichnungen von Vögeln und Bäumen, die an Krabat denken lassen, Musicclip-artige Szenen und viel Super8, ein Medium, das inzwischen fast nur noch im Kurz- und Kunstfilmbereich benutzt wird, nachdem es in den 70er und 80er Jahren Filmchen der lieben Familie ermöglichte.
Die Geschichte: Ari und Oona freunden sich an. Die beiden stellen ziemlich gegensätzliche Figuren dar: Oona hat schwarze Haare, ebensolche Kleidung und schminkt sich expressiv. Ihr Vater ist erfolgloser Künstler, die Mutter hat ein Verhältnis mit dem Onkel. Ari ist üppig, blond und nicht nur bunt angezogen, auch ihr Zimmer ist anfangs noch ganz barbiemäßig. Ihre Mutter hat nur Augen für den vorgeblich schwer kranken Bruder, der mit seinen Anfällen und Marotten die Familie tyrannisiert. Ari und ihr Vater sehen teilnahmslos zu, wenn die Mutter mal wieder nachts in die Notaufnahme hetzt. Ari versucht sich erfolgreich in der Männer-Anmache, ihre süß-lasziv-provokante Art beschert ihr erste sexuelle Erfahrungen, bis sie etwas mit dem verhassten Onkel von Oona anfängt. Oona ist ohnehin in einer katastrophalen Verfassung, nachdem sich ihr Vater umgebracht hat und die Mutter nun mit dem Onkel liiert ist. Die Freundschaft zu Ari gibt ihr ein bisschen Halt. Doch als sie auch noch Zeugin dieser Affäre ihrer Freundin wird, ziehen wieder rabenschwarze Vögel über die Kinoleinwand.
Der Film ist in seiner Überzeichnung, Übertreibung und konsequenten Fortführung der Handlung sehenswert - nicht zu Unrecht wird er mit Peter Jacksons »Heavenly Creatures« verglichen. Die beiden jugendlichen Darstellerinnen überzeugen, was bei den vielen freizügigen und extremen Szenen sicher nicht einfach war. Auch wenn die eine oder andere Schwäche zu sehen ist oder ein paar Stellen dann doch zu plakativ geraten: So expressiv, bunt, chaotisch, laut und wild wurde das Erwachsenwerden in einem deutschen Film selten dargestellt. Das liegt sicher nicht zuletzt an den beiden Drehbuchautorinnen: Ziska Riemann und Luci van Org (genau: die von Lucilectric mit dem Song »Mädchen«) kennen sich aus Kindertagen, waren mal zusammen in einer Straßenbande.
Petra Wille