Was bleibt

Drama, Deutschland 2012, 88 min

Eine Familie ist eine Familie ist eine Familie… Und ein Wochenende mit der Familie birgt immer seine Tücken, zumindest, wenn es in einem Film passiert. Erst kürzlich kam Julie Delpys »Familientreffen mit Hindernissen« ins Kino, das die Schwierigkeiten ja schon im Titel trägt. In Hans-Christian Schmids Film geht es viel subtiler zu. Ein Wochenende, ein Ehepaar um die 60, die erwachsenen Söhne, einer reist aus Berlin an. Vater Günter (Ernst Stötzner) hat den gut gehenden Verlag verkauft, Mutter Gitte (Corinna Harfouch) setzt an eine Ansage zu machen. Diese führt zu irritierten Blicken und ratloser Stille: Sie hat nach 30 Jahren medikamentöser Behandlung einer manischen Depression die Tabletten abgesetzt. Vielleicht, weil nun alles von alleine funktioniert, weil aus den Kindern „was geworden ist“ und die finanziellen Verhältnisse auch sicher sind. Kann ja nichts mehr schief gehen. Doch vor allem der in der Nähe lebende Sohn Jakob ist gar nicht einverstanden, was da alles passieren kann, das sei doch unverantwortlich. Er glaubt, als Zahnarzt da auch ein bisschen was von zu verstehen. Irgendwie lauern alle auf einen Ausbruch von Gitte. Doch zutage treten dann ganz andere Dinge: Jakobs von den Eltern mitfinanzierte Praxis läuft nicht, Günter hat eine Geliebte, und Markus (Lars Eidinger), der entfernt lebende Sohn? Der wollte eigentlich nur ausschlafen, essen und seinen Beziehungsstress vergessen. Ihm gelingt es ein bisschen, mit Gitte einfach nur zu plaudern, ein paar Erinnerungen und Lebensweisheiten auszutauschen: „Was man liebt, soll man loslassen, wenn's zurückkommt, dann bleibt's“ sagt sie zu ihm.
Schmid zeigt eine typische Familienkonstellation, mit viel Gespür fürs Detail und für die Dialoge. Wer seine Filme »Lichter«, »Requiem« oder »Sturm« kennt, wird womöglich die Wucht oder Intensität vermissen, denn hier ist alles viel leiser. Dennoch brodelt es innen drin, in allen Protagonisten. Schließlich hatte man sich so gut eingerichtet: Günter in seiner Gönnerhaftigkeit, die seine Frau schon lange nicht mehr richtig ernst nimmt, Jakob, der als niedergelassener Arzt immer noch um das Erwachsenwerden kämpft. Und seit Jahrzehnten sind sie es gewohnt, vorsichtig um die kranke Mutter herum zu leben, sie nicht zu belasten, doch sie hat es satt: „Was darf ich denn HEUTE wieder nicht erfahren?“ Ein sehr realistischer Film, der ganz am Ende mit einer Traumsequenz überrascht und noch lange nachwirkt.
Petra Wille