5. Oktober 2016

Das Ganze kann natürlich auch umgekehrt betrachtet werden

Hochgejubelte verfilmung oder EInfallslos? - Pro & Contra »Tschick«
Das Ganze kann natürlich auch umgekehrt betrachtet werden

Pro:
Im Juli, als ich das erste Plakat zu Fatih Akins neuem Film in einem Kino entdeckte, war die Skepsis groß: Kann der wilde Kerl mit so vielen „Erwachsenenfilmen“ in seinem Œuvre auch so was? Oder fährt er das Ding gegen die Wand, weil er es zu ernst, zu direkt, zu verkopft angeht? Auf der anderen Seite hat er ja aber schon Leichtfüßiges wie »Soul Kitchen« abgeliefert und bewiesen, dass ihm Komödien ebenso liegen. Und siehe da: »Tschick« ist ein richtig feiner Film geworden! Oder besser: fetzt auf ganzer Linie!

Dabei machen Akin und seine beiden Co-Autoren Lars Hubrich und Hark Bohm zunächst erst einmal das, was vielen Fans der gedruckten Vorlage gar nicht gefallen dürfte: Sie kürzen, lassen weg, fassen zusammen, kurz: Sie adaptieren. Und schaffen es trotzdem, die Stimmung des Romans fabelhaft einzufangen. Ein wahres Wunder in Zeiten von Filmen wie »Warcraft«, bei denen es nicht einmal gelingt, eine Videospielvorlage(!) in ein halbwegs adäquates Drehbuch zu verwandeln.

Allerdings gab es darin auch nicht annähernd so sympathische Kerle wie Maik (Tristan Göbel) und Andrej alias Tschick (Anand Batbileg). Zwei Charaktere voller Unsicherheit, Wut, Einsamkeit und Abenteuerlust. Jupp, kenn’ ich, irgendwann vor langer Zeit genauso empfunden. Alter Finne, da werden Erinnerungen wach! Dass Akin und seine beiden Ausreißer bei der Dokumentation ihres Trips zudem auf übertriebene Gossensprache à la »Fack ju Göhte« verzichten, macht die ganze Geschichte noch zugänglicher und nährt die Hoffnung, dass die Chantal Ackermanns dieser Welt und deren beschränkter Wortschatz nicht unsere alleinige (filmische) Zukunft sind.

Überhaupt, die Jungs: Göbel und Batbileg, der eine längst Schauspiel-Profi, der andere erstmals vor der Kamera, sind ein wahres Dreamteam. Machen aus zwei Außenseitern, die zu keiner Party eingeladen und von ihren Mitschülern vornehmlich ignoriert werden, die coolsten Boys des Sommers und schaffen es stets, Unbekümmertheit, Angst und Selbstzweifel ihrer Figuren durchschimmern zu lassen.

Und dann war da noch Tschicks Beichte gegenüber Maik bezüglich seiner Sexualität: Dass dieses intime Geständnis absolut nichts am Umgang beider miteinander ändert, ist eine der schönsten Offenbarungen des Films. Du bist schwul? Okay, meinetwegen, nächstes Thema. Kurz und schmerzlos, ganz so, wie es in einer idealen Welt sein könnte.

Ideal wäre es sicherlich auch für Akin gewesen, nicht erst kurz vor Drehbeginn zu erfahren, dass er den Regieposten übernehmen soll. Aber keine Sorge, Fatih, Du hast trotz minimaler Vorbereitungszeit alles richtig gemacht! Dein »Tschick« ist ein wunderbar melancholisch-amüsanter Abschluss meines Kinosommers und steht der Vorlage in nichts nach. Applaus Applaus Applaus!

Csaba Lázár

Contra

Fatih Akin gelingt eine allseitig gelobte, bestens funktionierende und vom Feuilleton hochgejubelte Buchverfilmung. Die Fakten sind bekannt. Das Buch von Wolfgang Herrndorf aus dem Jahre 2010 wird verfilmt. Immerhin ist das von jedem vierzigsten Deutschen gekauft, zur Schullektüre erklärt, in 24 Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet wurden. David Wnendt soll Regie führen, es kommt zu Differenzen mit dem Produzenten und Fatih Akin übernimmt. Ironischerweise ist Hark Bohm (»Nordsee ist Mordsee«, den Film mochte Wolfgang Herrndorf nicht sonderlich) als dramaturgischer Berater mit an Bord. Fatih Akin gelingt tatsächlich ein kompakter, aufs wesentliche reduzierter Episodenfilm. Es ist ein ganz klassisches Roadmovie geworden, mit zwei beeindruckenden Hauptdarstellern. Ziel erreicht, Mission erfüllt? Wohl nicht ganz.

Das ganze kann natürlich auch umgekehrt betrachtet werden. Der Verfilmung gelingt keine eigene filmische Interpretation der Vorlage. Stattdessen wird brav das Buch extrahiert und bebildert. Das erfolgt routiniert, tut keinem weh und sorgt für viele herzhafte Lacher. Am Ende erzeugt es auch etwas nostalgisches Gefühl und Nachdenklichkeit über die schwere Jugend und so. Mehr aber auch nicht.
Anfänglich punktet Fatih Akin noch mit visuellen Aufregern. Maik erschießt mit seiner Fingerpistole seinen Vater und dessen Freundin. Sie liegen blutig gemeuchelt auf der sonnendurchfluteten Terrasse. Von solchen Einfällen verabschiedet er sich recht schnell, die Handlung gerät in ruhiges und effektives Fahrwasser.
Insgesamt fehlen der Verfilmung Ecken und Kanten, das Irritierende, Verstörende. Eben das, was Klassiker oder besondere Filme auszeichnet. Der lakonisch-witzige Ton des Romanes wird nicht richtig getroffen.
Insgesamt wirkt der Film sehr sauber. Trotz Abfallepisode und so. Auch wenn das „böse“ F-Wort mehrfach verwendet wird. Klar kann Zuschauer/inn etwas über die Orientierung mit Sonne und Uhr oder auch über die Essenzubereitung in freier Natur erfahren. Insgesamt wirkt der Film wie an einer fiktiven Zielgruppe bis 14 orientiert. Damit ist er so rund und jugendfrei, fast etwas für das ARD-Vorabendprogramm.

Wolfgang Herrndorfs Intentionen dürften damit nicht zwingend getroffen sein. Das Konzept könnte aber doch aufgehen, viele Zuschauer und zufriedenes Feuilleton. Zweiteres ist schon geschafft, ersteres noch fraglich, das Kinogeschäft ist von vielen Faktoren abhängig. Vielleicht hätte auch David Wnendt die überraschendere und verstörende Fassung geliefert. Aber wer weiß?
Mersaw

http://www.tschick-film.de