27. Juni 2019

Was zählen schon Fakten?

Kritik, Pro & Contra – » Rocketman« - Erneut ein großer Film über Superstars der populären Musik. Kann da was falsch gemacht werden?
Was zählen schon Fakten?

Ein klares Pro. Warum? Ein Zwei-Stunden-Film, der wie im Flug verging. Keine Längen. Die Dialoge, von denen es weiß Gott eine Menge gibt mit der Familie, seinen Bandkollegen, seinen Produzenten oder seinem Team haben gleichbleibend Substanz und Tempo.

Natürlich, weil viele seiner besten Songs zu hören sind, inklusive Performance, versteht sich. „Your Song“, „Sorry Seems to Be the Hardest Word“, „Goodbye Yello Brick Road“, „Tiny Dancer“, „Don’t Let the Sun Go down on Me“ oder eben „Rocket Man“, die einfach für die Ewigkeit sind.

Die ganze Tragik seiner Kindheit, dieser Neid und Missgunstkomplex der Mutter, dieses hartherzige Elternhaus. Dabei will Elton nur geliebt und auch mal in den Arm genommen werden. Das alles wird sehr emotional und gut nachvollziehbar gezeigt. Stellt sich mir unweigerlich die Frage, hätte es diese wunderschönen Harmonien in vielen seiner Songs auch ohne diesen Schmerz gegeben? Würden wir ihn heute kennen, hätte er eine wohl behütete, glückliche und geradlinige Kindheit und Jugend gehabt? Ich behaupte ja, denn auch die Songs der glücklichen Zeiten sind gut.

 

»Rocketman« kommt authentisch und ehrlich daher. So sehen wir unmittelbar diese ganzen Neurosen, seine vielen und großen Ängste, diese ganzen Überdrehtheiten ebenso wie Situationen, in denen er unbeholfen und unsicher war. Oder er einfach falsch gelegen hat, wo er sich geirrt hat. Plötzlich bekommt man einen Bezug zu den Songs. Warum und weswegen, was er damit gemeint hat. Und welche Situation hat zu welchem Song geführt? Spannend.

 

Zwei kleine Dinge sind mir aufgefallen, die ich dennoch kritisch anmerken muss. In einigen zum Glück wenigen Szenen fangen die Hautdarsteller, z B. am Esstisch, auf eimal an zu singen. Sehr strange, das fand ich dann doch ein wenig zu sehr Operette. Zum Anderen. Die Stimme des Hauptdarstellers Taron Egerton ist wirklich gut und klingt hin und wieder der originalen zum Verwechseln ähnlich. Allerdings geht der Zuschauer in einen Elton John-Film und will natürlich auch Elton John hören und keinen Schauspieler. (Dasselbe Dilemma im Film »Hilde«, in dem Heike Makatsch singt. Warum? Was für ein Aufwand. Heike Makatsch musste damals, wenn ich mich recht erinnere, monatelang singen üben.) Hallo - Elton John ist noch am Leben, haben sie ihn vergessen anzufragen oder waren die Playbacks aus? Schade. 

 

Wunderbar dagegen die Kostüme, die den originalen und zuweilen sehr schrägen Outfits ausgesprochen nahe kommen. Sehr schön die Galerie im Abspann! Alles in allem ein wunderbar erzähltes Biopik und ein grandioses Denkmal für eine lebende Legende. Hervorragend gespielt von Taron Egerton. Für Augenmenschen wie mich ein Feuerwerk, dazu mit wunderbaren Songs - ein klasse Film! 

BSC

 

 

Contra:

Soll das jetzt etwa immer so laufen? Schritt eins: Einst erfolgreiche Musiker wünschen sich ein filmisches Porträt. Schritt zwei: Ein Drehbuchautor kritzelt eine Fantasiegeschichte zusammen, die sich nur sehr frei an Tatsachen orientiert. Schritt drei: Der Brite Dexter Fletcher übernimmt die Regie. Schritt vier: Das Endprodukt wird gefeiert, als wäre es ein Meisterwerk sondergleichen. So geschehen bei der Queen-Biografie »Bohemian Rhapsody« im vergangenen Jahr und nun bei »Rocketman«, einem Rückblick auf die Karriere von Elton John.

 

Dabei macht der neue Streifen zunächst viel richtig: Überrascht mit Musical-Einlagen, die das Privatleben des Musikers mittels seiner Songs erzählen, spürt den Ursprüngen seiner Begabung in der Kindheit nach und überzeugt mit einem elektrisierenden Hauptdarsteller (Taron Egerton). Die Hits sprudeln im Minutentakt, man staunt über den bunten Paradiesvogel auf der Leinwand sowie seine kleinen und großen Eskapaden abseits der Bühne.

 

Aber dann: Drogen! Garstige, hinterhältige Liebhaber! Einsamkeit trotz immensen Reichtums! Mag ja sein, dass dies der übliche Weg vieler Rockstars ist, die viel zu jung viel zu reich werden und irgendwann ihren moralischen Kompass ein wenig aus den Augen verlieren. Aber warum muss dies dann stets in solcher Ausführlichkeit ausgebreitet werden? Besonders, wenn dies wie im Falle von »Rocketman« – und übrigens auch »Bohemian Rhapsody« – auf Kosten interessanterer Fakten geschieht? Statt drei alkoholgeschwängerte Abstürze nacheinander in gefühlter Endlosschleife zu zeigen, könnte der Film Essenzielleres erzählen. Zum Beispiel über Elton Johns Oscar-Gewinn 1995 (für „Can You Feel The Love Tonight“ aus dem Soundtrack zu „Der König der Löwen“), etwas über sein bewegendes Abschiedslied für Prinzessin Diana 1997 („Candle In The Wind“, mit 45 Millionen verkauften Exemplaren immerhin die erfolgreichste Single aller Zeiten) oder über die Tatsache, dass er aufgrund seines Drogenkonsums nach einer Kehlkopfoperation das Singen neu erlernen musste.

 

Aber was zählen schon Fakten im Jahre 2019? Lass’ doch dazu einfach behaupten, er verdanke seinen Künstlernamen John Lennon – merkt doch ohnehin keiner. Doch, meine lieben Filmemacher! Und es ärgert mich! Weil es überflüssig, unwahr und anbiedernd ist. Ihr könnt Geschichte im Kino gerne umschreiben, überhöhen, variieren. Wie unterhaltsam das sein kann, hat »Inglourious Basterds« eindrucksvoll bewiesen. Aber pfuscht nicht grundlos in Künstlerbiografien rum, nur um sie interessanter und gefälliger erscheinen zu lassen. Vor allem dann nicht, wenn die wahre Geschichte sehr viel mehr Potential bietet, der beeindruckenden Lebensleistung eines Menschen zu huldigen. 

 

Gummelnd: Csaba Lázár

 

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