2. März 2010

Giulias Verschwinden

Ein Film, zwei Meinungen: Auch im Februar konnten sich zwei unserer Redakteure abermals nicht einigen, ob ein Film, in diesem Fall Giulias Verschwinden, das Prädikat „gelungen“ oder „daneben“ erhalten sollte.
Giulias Verschwinden

Zum Film:
Eigentlich soll es nur ein gemütliches Beisammensitzen zum 50. Geburtstag von Giulia (Corinna Harfouch) sein, zu dem sich ein paar ihrer engsten Freunde in einem Zürcher Restaurant zusammenfinden. Noch warten sie auf den Ehrengast, doch Giulia entscheidet sich für einen kurzen Zwischenstopp in einem Brillengeschäft. Dort wird ein charmanter Herr (Bruno Ganz) auf sie aufmerksam, der sie prompt zu einem Drink in eine Bar einlädt.

Pro:
Filme wie diese streicheln die Seele. Besonders nach so albernem, wenn auch halbwegs erträglichem Quatsch wie Dinosaurier – Gegen uns seht ihr alt aus!, mit dem Regisseur Leander Haußmann uns und vor allem dem älteren Publikum eine hippe und lustige Alternative zum Pflegeheimalltag aufzeigen wollte. Und wenn es zwischendurch einen Witz brauchte, fiel mal eben das Gebiss aus dem Gesicht.
Autor Martin Suter und Regisseur Christoph Schaub gehen da andere, feinfühligere Wege, um die reiferen Zuschauer zu gewinnen. Sie beobachten lediglich, wählen den Alltag als Mittelpunkt und lassen eine Handvoll Charaktere zwischen 40 und 80 reden. Ausschließlich. Sonst nichts. Da braucht es keine Räuberpistole, lächerliche Verkleidungen oder platte Verwechslungsszenarien wie eben in Dinosaurier. Nein, zuhören soll der Zuschauer, vielleicht ebenso wie die Jugend den Alten im wahren Leben. Denn die haben dank Erfahrung, Gelassenheit und, ja, dem Alter einiges zu berichten. Posen, Eindruck schinden und anderen gefallen sind hier nicht mehr wichtig, was zählt ist die Lust am Leben. Und die Einsicht in eigene Schwächen und Macken.

Giulias Verschwinden erinnert uns in Zeiten sexueller Reizüberflutung, Jugendwahn und ständigem Erfolgsdruck an das Innehalten und Genießen des bereits Erreichten – besonders im Alter. Passend dazu verweilt die Szenerie fast ausschließlich an drei Orten und reduziert das Geschehen auf offene Dialoge, die ehrlich, persönlich und realitätsnah daherkommen. Ganz so, wie es in einer Runde unter Freunden sein sollte. Ganz so, wie es auch öfter in Filmen der Fall sein sollte.
Ein in allen Maßen erhellendes, zum Glück nicht wehleidiges, sondern rundum gelungenes Filmvergnügen – nicht nur für die Generation jenseits der 40!
Csaba Lázár

Contra:
Da lächelt uns Corinna im Bus an, ist fasziniert von zwei 14-jährigen Mädchen und wird wie im Märchen von einer 80-Jährigen (Renate Becker) einbezogen. Parallel dazu treffen sich zwei laut plappernde und ganz wichtig nehmende Pärchen und ein Alleinstehender, um Giulias Geburtstag zu feiern. Diese Exposition markiert das Modell, und so können wir eine viergleisige romantische Komödie erleben, die am Ende alle Protagonisten zusammenführt. Im Mittelpunkt steht natürlich die Feiergesellschaft, die auf ihr Geburtstagskind wartet. Neben viel Gerede um das Alter, es geht ja um den 50., gibt es nette Gags, auch ein wenig Ernstes wird eingestreut, als Lena (Teresa Harder) verkündet, dass sie vor zwei Jahren mit dem Tod rang. Ansonsten ist das Alter ja voller Wohltaten, Reife, Genussfähigkeit und Klarheit im Kopf.

Allein Alessia (herrlich Sunnyi Melles als blonder Vamp) platzt mit zynischen und leider sehr wahren Anmerkungen in den Ablauf.
Natürlich stören bei der Laborbetrachtung altersbedingter Veränderungen keine Kinder, keine sozialen Sorgen oder andere Alltagsprobleme. Alles ist seltsam abgehoben und dadurch etwas kraftlos. Leider kann Bruno Ganz als "weltgewandter Charmeur" mit seinem Spiel die Situation auch nicht retten, er kommt eher wie ein Engel daher. Zwar nimmt er Giulia an seine Hand und entführt sie in eine zauberhafte Umgebung aber sieht so Leidenschaft im Alter aus?

Nicht viel pointierter erzählt sind die beiden Seitenstränge. Im Altersheim kulminiert alles in einer zwar herrlich unkorrekten kleinen Tortenschlacht (schön, dass so etwas mal wieder geboten wird). Einzig Oma Leonie (sehr schön Christine Schorn) darf eine unangepasste Mutter spielen, wenn auch etwas überzogen, alle anderen dürfen Abziehbilder dumpfer Altersheimbewohner und -erzieher geben.
Interessanter ist da schon die weitere Abendgestaltung der beiden Teenager. Aber auch die wird etwas unbedarft inszeniert. Wer will schon seinem 18-jährigen Freund eine aktuelle Snoop CD aus der Leerhülle klauen? Beim Turnschuh "besorgen" stellen sie sich etwas pfiffiger an, werden aber dank schlechter Wurfleistungen trotzdem erwischt. Statt die Dramatik auszuspielen, kommen nun regelrechte Abziehbilder moslemischer und super liberaler Eltern zum Einsatz. Zumindest auch hier was Unkorrektes, Papa bekommt vom Töchterchen ordentlich was auf die Fresse. Am Ende aber treffen sich alle beim Italiener und alles wird gut - so wie im wahren Leben eben...

Das kann man alles mögen, kommt aber so treuherzig brav daher, dass es wie eine biedere romantische Boulevardkomödie aus der Abendschiene des TV wirkt. Ein wenig Wackelkamera für die Authentizität, ein ganz klein wenig Sozialdramatik, ein guter, weil kaum zu vernehmender Soundtrack und eine Corinna Harfouch, die leise verschmitzt durchs Programm führt.
Fertig ist die perfekte Abendunterhaltung für die Alten - oder sollte man besser sagen für die reiferen Damen und Herren? Damit es nicht so anheimelnd wirkt, noch ein Schuss Garstigkeit und vor allem Lebenshilfe auch für Alleinstehende. Merke: Auch mit 50 ist die Chance einen Partner zu finden noch lange nicht bei Null). Zumindest größer als von einer Atombombe getroffen zu werden, wie es einst Doris Dörrie formulierte, die übrigens seit 18. Februar mit ihrer sozial relevanteren Komödie »Die Friseuse« im Kino zu erleben ist. Mersaw

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