17. November 2020

Deja vu

Kino-Postlagernd. Für schlechte Zeiten.
Deja vu

Am Abend des drohenden Lockdowns saßen wir bei mehreren Gläsern zusammen am Tresen und riefen den Gästen des letzten Filmes »Schlaf« (2020, R: Michael Venus, Foto) ein ironisches Gute Nacht hinterher. Eifrig leerten wir weiter angebrochene Flaschen, in deren Glaskörper wir unsere Lieblingsmomente mit dem kürzlich verstorbenen Sir Sean Connery stopften. So als wollten wir diese auf der Kino-Flaschen-Post aufgeben. Kino-Postlagernd. Für schlechte Zeiten. Einige von uns waren gerührt, andere geschüttelt. Schließlich wurden wenige Schotten aus der Kinobranche mal eben zum Ritter geschlagen. Da musste man schon ordentlich ausgeteilt haben; als Doppelnull-Agent den verdammten Blofelds, als Vater von Archäologie-Professoren den verdammten Nazis oder als irischer FBI-Veteran den verdammten Al Capones. Ganz zu schweigen von der Heiligen Inquisition der alleinseligmachenen Mutter Kirche zu Avignon, oder von „dem Bösen" höchstselbst, welches König Agamemnon, als Feuerwehrmann verkleidet, aus der brennenden Mikrowelle entsorgt. Vorsorglich. Wegen der zu erwartenden Einschläge. 

 

Jetzt wurden die Zeiten also wieder schlecht. Und das, obwohl man im gesamten vergangenen Halbjahr in deutschen Kinos nachweislich eine gute und gesunde Zeit haben konnte. Während die Viren draußen wild feierten oder geschmacklos demonstrierten. Und viral gingen in Schlachthäusern oder Weißen Häusern. Für die Kinobranche könnte es nach dem blauen Auge vom Frühjahr jetzt ein echter Wirkungstreffer werden. Ein Treffer, den die KinobetreiberInnen einstecken müssen, wie die VerleiherInnen, die ProduzentInnen, wie die DarstellerInnen, die Kameraleute, wie die AutorInnen, die kostümbildende wie die schreibende Zunft, die beleuchtende, Kulissen bauende oder die synchron sprechende, die Plakate entwerfenden KollegInnen, wie auch die Plakate klebenden. Ganz zu schweigen von den Menschen, für die der ganze filmwirtschaftliche Rummel veranstaltet wird; die ZuschauerInnen. Könnte man ihnen, jetzt in der Übergangsphase, noch stumme Kino-Trailer zukommen lassen, wie die Damen und Herren der Kampagne „Ohne Kunst und Kultur wird's still" mit ihren tonlosen Darbietungen, gäbe es in der Zukunft jedoch ein echtes Defizit. Wo der Diskurs schmaler wird, wie auch die künstlerische Befruchtung. Womöglich wird die Branche, erst einmal geschrumpft, noch sehr viel profitorientierter agieren als heute. Und sehr viel direkter hin zum Endverbraucher, via streaming. Au revoir, geliebtes Kino.

 

2015 annoncierte Daniel Craig zu seiner Standardrolle befragt; Lieber schlitze ich mir die Pulsadern auf, als noch einmal einen Bond zu spielen. Es sei denn, viel Geld ist im Spiel. Nun, bislang, hatte er noch keine Zeit zu sterben, doch die Kinos bluten weltweit aus. Und das 600 Mio Dollar Angebot seitens Netflix und Apple steht noch immer im Raum, verglichen mit dem Einspielergebnis von »Spectre« gar nicht übel. Paradox jedoch, wo die Welt gerade Filme bräuchte wie »Oeconomia«, »Woman - 2000 Frauen, 50 Länder, 1 Stimme«, »The Great Green Wall« oder »I Am Greta«. Doch an der Kasse steht nie die Welt. Da stehen die ZuschauerInnen. Oder eben nicht. Die Heimkinostarts rücken jedenfalls immer näher. 

 

Die Einschläge auch. 2020 knallte ein solcher direkt in den Vorgarten der Dresdner Kinoszene und unter die Namen von Terry Jones, Kirk Douglas, Piccoli und Morricone mischte sich auch der von Dresdens Kinobetreiber Frank Apel. Das Deja vu flüsterte beim eingangs beschriebenen Wodka Martini; die Nachricht von Frank Apels Tod erreichte uns damals am Abend des ersten Lockdowns. Im März stopften wir diese bittere Ironie, dass nun alle Kinos geschlossen bleiben sollten, in eine leere Bacardi-Flasche (der Rum, welchen Frank umrührte). Und hinterher schoben wir die Erinnerung an unsere gemeinsamen Nächte, in denen wir uns gegenseitig Lieblingsfilme zeigten. Darunter auch jener »Robin And Marian« (1976, R: Richard Lester) mit Audrey Hepburn und Sean Connery, an dessen Ende der sterbende Robin Hood resümiert: „I'd never have a day like this again“. 

Rollo Tomasi