6. Dezember 2010

Retrospecktiefe 2010

die Filmindustrie ist gerade noch mal durch das Wiederaufflammen des 3D flott am Abgrund vorbei geschrammt
Retrospecktiefe 2010

Liebe Leserschaft, werter Abonnent!

Gerade stelle ich mit Bestürzung fest, dass es keinen Rückblick 2009 gab. War 09 so langweilig? Ich meine, wenn 2009 ungeheuer fetzig oder total scheiße gewesen wäre, hätte ich was geschrieben. Vor allem bei Zweiterem! Da wiederum eröffnet sich die Frage, war denn 2010 cineastisch gesehen der Brüller? Ich würde mal sagen nein. Das war wahrscheinlich auch der Grund für Dennis Hopper und Tony Curtis sich zu verabschieden.

Aber die Filmindustrie ist gerade noch mal durch das Wiederaufflammen des 3D, wie einst Indiana Jones mit Kristallschädel, flott am Abgrund vorbei geschrammt. Nun ist das DDD-Gemache aber keine Sache, die man jetzt plötzlich 2010 so mal aus dem Hut gezaubert hat. Auch in den 80ern gab es im Rundkino ein paar sowjetische Kurzbeiträge auf einer autostereoskopischen Drahtgitterleinwand, die extra vor die Große gezimmert wurde. Da gab es noch friedfertige Schmetterlinge und Vögeleins von der warmen Krim zu betrachten. Nein, kein Gemetzel und hektisches Rumgedöse von heute liebe Freunde! Zu meiner Zeit hielten sich Erschossene noch gestenreich wie ein Opernsänger den Bauch, verzogen das Gesicht, als hätten sie sich einen Timms Sauren genehmigt und kippten unblutig in die Rabatte. Hätten wir damals z.B. »SAW« zu sehen bekommen, hätte die Hälfte des Saales gekotzt und der Rest wäre höchstwahrscheinlich mit einer posttraumatischen Störung in eine psychiatrische Klink eingewiesen worden. Heute göbel ich nur noch über das inflationäre Angebot wiedergekäuter Filme, welches die 3D-Technik geradezu zu intensivieren scheint.

Der von mir eben erwähnte »Saw« wäre eigentlich endlich und wirklich in der Versenkung verschwunden, wenn nicht 3De so an Bedeutung zugelegt hätte. Nun also lassen wir uns voller Freuden das Gedärm um die Ohren wedeln, ohne dass Dieter etwas dazu beigetragen hätte. Steht zu befürchten, dass weitere Nummern noch mal in dieser Technik dem Filmfreund zum Fraße vorgeworfen werden. Nicht auszudenken, Titanic 3D, wo man von der Kartenabreißerin zur Effektsteigerung womöglich persönlich im richtigen Moment ein Glas Wasser in den Schritt geschüttet bekommt. Oder Freddy 3D, Alien 3D, Spur der Steine 3D, Der Untergang 3D mit der unangenehm wichtigen Corinna Harfouch in 3D...uuuh! Da kann einem schon die Florena vom Henkel fallen und mit Donner durchs Mark fahren. Aber wir Filmfreunde sind Optimisten und lassen uns nicht verdrießen.

Auch 2011 wird es im Ozean schlechter Filme wieder ein paar leuchtende Sterne geben, die der gepflegte Cineast mit sicherem Griff aus der Mainstreamminestrone heraus zu klauben versteht, und vielleicht schafft sich ja der deutsche Film auch gleich selber ab, wie es das Theater bereits vorbildlich zu tun scheint. Kunst ist nun mal Krieg, und da machen eh alle mit! In diesem Sinne, allen Lesern, Freunden, Fans, Kritikern und unterbezahlten ningelnden Schauspielern ein segensreiches Weihnachtsfest 3D und einen hervorragenden Rutsch ins neue Kinojahr 2011. Ab 1. Januar 5 Uhr 45 wird dann zurückgeschossen!

Ihr Dr. Kurt Hanuschke (mit nur einem D)

Photo:
Dr. Kurt Hanuschke bei der rückblickenden Betrachtung des Jahres 2010