Das Mädchen, das lesen konnte

Drama, Frankreich/Belgien 2017, 99 min

Die autobiografische Erzählung einer provenzalischen Bäuerin, deren kleines Dorf in den Kriegswirren um die 2. Französische Republik 1851 sämtliche Männer verliert, klingt wie das ambitionierte Drehbuch-Experiment einer starken Frau des 21. Jahrhunderts. In diesem Fall heißt sie Marine Francen und ihre Sympathie für die südfranzösische Novelle spricht aus jedem Bild ihres in San Sebastian preisgekrönten Debütfilmes.
Violette Ailhaud (Pauline Burlet) muss wie alle Frauen des Dorfes hilflos mit ansehen, wie die napoleonischen Truppen sämtliche Männer verschleppen. Gemeinsam müssen sie alle Arbeit fortan selbst verrichten. Als die Männer auch nach einem Jahr nicht heimkehren, verabreden die Frauen ganz pragmatisch, dass ihre Felder nicht länger unbestellt bleiben dürften. Sollte da auch nur ein Kerl kommen, dann müsse er der Sämann (Filmtitel im Original: »Le semeur«) für jede von ihnen sein. Das Korn in die Ackerfurchen zu streuen, das würden sie zur Not noch alleine schaffen, doch es hallt Sehnsucht durch ihre „männerlosen, leeren Frauenkörper"". Und schließlich bedürfe auch der schiere Fortbestand des Dorfes männlicher Hilfe. Als der unbedarfte Schmied Jean (Alban Lenoir) in der Gegend auftaucht, ahnt er nicht, welche emotionalen Verstrickungen er auslösen würde. Weil sein Interesse besonders Violette gilt, die im Dorf lesen und schreiben lehrt, dreht sich bald jedes Gespräch um die versprochene Erlösung aller. Und so ist es an Violette, Jean davon zu unterrichten, wie viele Eisen er hier im Feuer hat…
Violette Ailhaud schrieb ihre Erinnerungen 1919 im Alter von 84 Jahren nieder, womöglich unter dem frischen Eindruck einer erneut männerlosen und in ihrer Existenz bedrohten Welt.
Alpa Kino