Nachlass - Passagen

Dokumentation/Zeitgeschichte, Deutschland 2017, 112 min

Fast 70 Jahre nach Kriegsende leben wir an einer Schnittstelle - jedenfalls was die Geschichte des II. Weltkriegs und der Nazizeit betrifft. Die Zeitzeugen sterben, doch die Vergangenheit lebt weiter - als Erbschaft zwischen den Generationen und als Geschichte in jedem von uns. Im Zentrum des Films stehen Menschen, die nach dem Krieg geboren sind, oft schon die zweite oder dritte Generation. Sie alle sind mit dem Erbe befasst, vor allem durch die Geschichte in der eigenen Familie.
Da ist der Chemiker, dessen Vater Polizeiführer bei den Einsatzgruppen war, die für die Ermordung tausender Menschen verantwortlich sind. Da ist die ehemalige Gymnasiallehrerin, deren Vater SS-Arzt war und die immer noch hofft, dass ihr Vater nicht selbst geschossen hat. Da ist die Therapeutin, deren Vater ein ranghoher SS-Mann war und ihr jüdischer Kollege, dessen Großeltern in Ungarn ermordet wurden. Beide sind Mitglied einer Dialog-Gruppe von Kindern aus Täter- und Opferfamilien. Da ist der Sohn der Therapeutin und Enkel des Nazi-Großvaters, der sich als junger Filmemacher schon mit einer gewissen Distanz der Nazigeschichte in der Familie nähert. Da ist der Maler, Sohn eines Fliegerhelden aus dem 2. Weltkrieg, der in großen Lettern auf ein Bild schreibt: Nachlass lass nach! Und da ist die junge Israelin, Enkelin eines Auschwitz-Überlebenden, die nach Deutschland geht und sich für die Motive der Täter interessiert. Wir treffen sie als Guide in der Gedenkstätte ’Topografie der Terrors’.
Gespräche, Dialoge und dazwischen szenische Beobachtungen. Vom Abbau und Neubau der Dauerausstellung einer Gedenkstätte. Vom Sortieren von Millionen von Daten aus Ermittlungs- und Prozessakten. Von der Serienfertigung von Stolpersteinen. Von einem späten Prozess gegen einen ehemaligen Wachmann in Auschwitz.
In den Täterfamilien wurde geschwiegen. Es ist mühevoll, den Spuren der Väter in der NS-Zeit nachzugehen. Man will wissen und will doch nicht wissen, denn das Wissen tut weh.
Der Film zeigt, wie tiefgreifend die Last der Schuld und die Last der Opfer auch auf den Schultern der nachfolgenden Generationen ruht. Das Unvorstellbare für die nachfolgenden Genrationen lässt sich auf eine einfache Frage komprimieren: Wie kann es sein, dass mein Vater oder mein Großvater wehrlose Menschen ermordet hat?

Buch: Christoph Hübner, Gabriele Voss

Regie: Christoph Hübner, Gabriele Voss

Kamera: Christoph Hübner

Musik: Gilad Hochman

Produktion: ZDF, Arte, Christoph Hübner, Udo Bremer

Bundesstart: 23.01.2020

FSK: ab 6 Jahren