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Alle reden übers Wetter

Drama, Deutschland 2022, 89 min

Clara hat es fast geschafft. Die junge Doktorandin bewegt sich selbstbewusst durch Berlin und zielstrebig auf den nächsten Karriereschritt zu. Margot, ihre Professorin-Mutter hält zu ihr, unterstützt Clara bei ihrer Doktorarbeit in Philosophie, auch wenn ihren Motivationsreden mitunter eine Art Traurigkeit anhaft. Margot (Judith Hofmann) macht Clara (Anne Schäfer) fit für den Aufstieg ins Bildungsbürgertum. Eigentlich müsste es Bildungsadel heißen, das merkt auch Clara schnell, denn die Strukturen sind feudaler Natur, die Codes vornehm und verachtend zugleich, obendrein für eine junge Frau, aus dem Osten Deutschlands, ohne Bildungstitel in Eltern- oder Großelterngeneration, die alleinstehend und alleinerziehend ist. Ihre Suche nach der eigenen Subjektivität als Forscherin kollidiert hier auch gut pointiert mit ihrer Doktorarbeit zu Hegels Freiheitsbegriff. Als Clara zum 60. Geburtstag ihrer Mutter in ihr Heimatdorf in Mecklenburg fährt, wird ihr schmerzlich bewusst, wie schwer es für die Bildungsaufsteigerin ist, daheim noch für ein paar Stunden einen Fuß in die Tür zu bekommen. Lange schon vermisst Clara die Nestwärme, zu abstrakt erscheint der Mutter das Tun ihrer Tochter. Die Unterhaltungen wandern hier vom Kopf zum Bauch, mitunter auch noch tiefer. Publikationen, Fördergelder oder didaktischer Diskurs interessieren hier niemanden. Und wenn alle mit dem Wetter durch sind, wird auch schonmal gediegen geschwiegen… Aus den vielen leisen und lauten Tönen zwischen den Dialogzeilen spricht eine feine Beobachtungsgabe, die der jungen Regisseurin Annika Pinske hoch angerechnet werden muss. Ihr Drehbuch ordentlich zu spicken mit aktuellen Grundkonflikten wie Stadt & Land, Ost & West, Heimat & Leere, Frauen & Männer, Bildungsbürgertum & sozialer Bodensatz, und allen voran, Tochter und Mutter, und das alles federleicht zu inszenieren, selbst zu produzieren und dank großartiger Schauspielerinnen erfolgreich als Hochschul-Abschlussfilm ins Panorama der Berlinale zu katapultieren - das ist eine sehenswerte Promotion für die Frau aus Frankfurt/Oder, die übrigens mit all ihren Kurzfilmen beim Dresdner Filmfest zu Gast war.
alpa kino