TRAILER

Sonne

Drama, Österreich 2022, 88 min

Es beginnt als kleiner Spaß mit R.E.M.s überpräsentem Hit „Losing My Religion“. Yesmin, Nati und Bella werfen sich in TikTok-Pose und nehmen ihr eigene Version auf. Sie ahnen nicht, welche Lawine sie lostreten: Das Video geht viral, die besondere Pointe; Die drei jungen Frauen tragen bei der Aufnahme die Hijabs von Yesmins Mutter. In dieser Konstellation gewinnt der Gassenhauer noch mal eine ganz andere Brisanz. Die einen lesen das Video als gelungene Provokation, die anderen, so auch Yesmins Mutter, als religiösen Affront. Begeistert ist hingegen Yasmins Vater, er beginnt den Mädchen Auftritte als quasi religiöses A-Capella-Trio auf kurdischen Familienfesten zu vermitteln. Während Nati und Bella Gefallen an diesem Spiel und der öffentlichen Aufmerksamkeit finden, setzt sich Yesmin als überzeugte Muslima mit den Folgen auseinander, den vielen Fragen, die in der Familie wie im Bekanntenkreis aufploppen, und denen sie sich stellen will: Wie privat ist Religion und wie wichtig ist ihr das Kopftuch?
Die schon mehrfach mit Preisen ausgezeichnete Performerin, Drehbuchautorin und Regisseurin Kurdwin Ayub (Jahrgang 1990!) erhielt für ihr Spielfilmdebüt »Sonne« bei der Berlinale 2022 sogleich den Preis für den besten Erstlingsfilm. Nicht nur der kompromisslos lebensbejahende und angstfreie Zugriff auf das brisante und gleichzeitig so ausgelutscht scheinende Thema, auch der progressive Umgang mit dem Medium Film überzeugte die Jury. Ayub macht das Smartphone endgültig kinotauglich. Wie ein Monolith taucht das allgegenwärtige Hochformat als genialer Leinwandsprenger in der Mitte der Breitwand auf. Das Nebeneinander von Spielfilm- und Handyaufnahmen führt zur Verschmelzung der Bilder. Wie war das noch mal mit der Realität und deren Abbildern? Und mit ihrer kleinen Schwester Authentizität? Große alte Fragen, noch mal ganz anders gestellt. Und hey: »Sonne« ist ein Coming-Of-Age-Film, der die Leinwand mit seiner Lebensfreude zum Pulsieren bringt.
Grit Dora