Romería
Einer spanischen Legende zufolge ziehen des Nachts ruhelose Seelen in weißen Gewändern durch die Gassen und verlangen die Herausgabe derer, die bald sterben werden. Wenn in einer Szene des Filmes das halbe Dorf zu den Klängen einer Rockband tanzt, niedersinkt und in weißen Gewändern erstarrt, erklärt die katalanische Regisseurin Carla Simón dieses Bild zu einer Art Requiem. 1993 endete in Vigo das kurze Leben ihrer beiden Eltern. Jetzt schließt sie ihre sehr persönliche Trilogie ab, die mit „Fridas Sommer“ begann und zu der auch „Alcarràs - Die letzte Ernte“ gehört. Die Vollwaise Marina (Llúcia Garcia) möchte Film studieren und benötigt dafür noch Dokumente und Unterschriften. Sie wuchs auf in der Obhut der Großeltern mütterlicherseits und macht sich nun auf den Weg nach Vigo, wo die etwas noblere Verwandtschaft ihres Vaters Alfonso (Mitch Martín) lebt. Sie ist sich bewusst, wenn sie dahin geht, wo ihre Mutter (ebenfalls Llúcia Garcia) starb, mit dem Tagebuch von ihr im Gepäck, dann wird diese Reise zu einer Art Pilgerfahrt werden, wie der Filmtitel annonciert. Spielerisch und ambitioniert hält sie ihren Besuch fest in einem Videotagebuch. Dieser kleine Trick eröffnet nun die Möglichkeit, hin und her zu schwenken, und gibt Raum für doppelbelichtete Bilder. Wie im Traum gleitet die Kamera durch die Zeit, übersetzt Handschriftliches in Flimmerndes, sortiert mit der Verwandtschaft Unwahrheiten aus, ihr Vater starb ebenfalls hier, versteckt vor seiner Schande. Marina taucht ihr spärliches Wissen in Tag- oder Wunschträume, und wird dabei versorgt mit harten Fakten. Diese liefern Cousin Nuno (ebenfalls Mitch Martín) und Onkel Lois, wenn sie auf die Zeit verweisen, nach dem Ende der Franco- Diktatur, als sich die jungen Leute von allem fortwünschten, ans Meer, wo sie den Strand mit Drogen überzogen, wie mit einem weißen Gewand, und wo sie sich einreihten in den Zug derer, die vollkommen überrascht wurden vom grassierenden HIV-Virus. „Jeder starb hinter verschlossenen Türen“ murmelt Marinas Verwandter, und für Carla Simón alias Marina steht am Ende die Einsicht, dass viele in ihrer Generation ein unzureichendes Bild von ihrer Familie haben.
alpa kino
Buch: Carla Simón
Regie: Carla Simón
Darsteller: Llúcia Garcia, Mitch Martín, Tristán Ulloa, Celine Tyll, León Romagosa, Hans Romagosa
Kamera: Hélène Louvart
Musik: Ernest Pipó
Produktion: Àngels Masclans, Olimpia Pont Chàfer, María Zamora
Bundesstart: 02.04.2026
Start in Dresden: 02.04.2026
FSK: ab 12 Jahren