Ein Sommersandtraum

Komödie/Fantasy, Schweiz 2011, 91 min

„Ich verliere momentan Sand. Das ist sicher nur eine Phase“. Nach so einem Satz kommt entweder ein schwer Symbol beladenes filmisches Werk, das in jeder Einstellung zur Tiefenanalyse auffordert. Oder es kommt eine wunderbar-wundersame Schweizer Komödie, bei der man das Nachdenken und Interpretieren der kafkaesken und überraschenden Geschichte getrost auch weglassen kann. Oder für sich behalten. Das macht zumindest der Regisseur Peter Luisi, der findet: „Ich bin immer enttäuscht, wenn ich einen Film sehe und denke, ich habe es verstanden, und dann kommt der Regisseur und sagt irgendwas anderes.“
Also soll hier nur verraten werden, worum es geht: Benno arbeitet in einem Philatelieladen, ist also täglich umgeben von wertvollen Briefmarken. Er hat eine schöne blonde Freundin und wohnt direkt über einem Café, dessen Betreiberin Sandra er verachtet. Jeden Tag bestellt er dort Kaffee, aber die Milch dazu muss er jedes Mal extra ordern. Sandra ist in ihrer Freizeit Einfrauorchester. Sie übt gern abends im Café. Je mehr Benno sich über sie aufregt, desto lieber übt sie auf der Tuba. Es raubt ihm den Schlaf und die Nerven. Außerdem findet er sie unbeschreiblich untalentiert.
Dummerweise beginnt Benno ausgerechnet von Sandra romantisch zu träumen - und sie von ihm. Und das Schlimmste: Es rieselt Sand aus ihm raus. Nicht immer, aber in beachtlichen Mengen, und das ist nicht nur in seinem peniblen Briefmarken-Job absolut unpassend. Als er dann noch feststellt, dass der Sand einschläfernde Wirkung auf sein Umfeld hat, wird es nicht zuletzt in seiner Beziehung richtig kompliziert. Aber was heißt hier Beziehung? Die Momente, die Benno neuerdings mit Sandra im Traum teilt, sind so zauberhaft, dass sich beide eilig gegenseitig versichern, dass das ja alles nur ein Traum war…
Wie man an dieser kurzen Zusammenfassung schon erkennen kann, wird hier nicht mit einfachen Plots oder Plattitüden gearbeitet. Auch wenn man in dieser romantischen Komödie von Anfang ein Happy End erwartet, so fragt man sich doch mehr als einmal „wie kommt der da wieder raus?“ Ein äußerst gelungenes Drehbuch (mit einem wirklich zufrieden stellenden Ende auch für diejenigen unter uns, die wenig für kitschige Happy Endings übrig haben) mit unzähligen tollen Ideen und vielen unerwarteten Drehs und vor allem fantastische Darsteller sind hier das Rezept: Frölein Da Capo, die die Sandra spielt, ist bisher gar nicht als Schauspielerin, sondern tatsächlich als Einfrauorchester aufgefallen, der Regisseur entdeckte sie bei einem Talentwettbewerb. Und der Theaterschauspieler Fabian Krüger spielt den eigentlich unsympathischen Benno, doch gerade nur so unsympathisch, dass man ihm die kuriosen Wendungen der Geschichte abnimmt.
Petra Wille