Smalltown Girl
Schneiderin Nore (Dana Herfurth) lebt nach dem Prinzip grenzenloser Autonomie. Wiewohl sie in einer Kleinstadt lebt, ist sie entschlossen, ihren eigenen kompromisslosen Weg zu gehen. Sie trinkt, feiert und bestimmt selbst, wann, wo und mit wem sie das nächste Mal im Bett landet. Als Nore in ihrer Stammbar auf Jonna (Luna Jordan), eine ehemalige Mitschülerin trifft, verstehen sich die beiden sofort und Nore, eh auf Wohnungssuche, zieht spontan bei Jonna ein. Jonna wird zur unmittelbaren Zeugin von Nores chaotischem Dasein, ihren Exzessen. Sex ist für Nore eine reine Transaktion, die körperlichen Begegnungen entemotionalisierte, rein mechanische Akte. Gerade wenn es ihr zu viel wird, so Nores kühle Logik, muss sie einfach ""weitermachen"". Die Haltung, dass Sex ein gefühlloses Tauschgeschäft ist, klammert den Schmerz aus ihrer Realität aus, doch die oberflächliche Unabhängigkeit ist trügerisch. Nores Prinzessinnen-Aufmachung, die oft benutzte Kombination von schrägem Tüllkleid und Krönchen, kontrastiert scharf mit Spuren von Misshandlungen, die Jonna an ihrer Freundin entdeckt. Für Nore ist der konstante Sex kein Vergnügen sondern ein Fluchtmechanismus, der Versuch, ein seelisches Trauma abzuschütteln. Regisseurin Hille Norden inszeniert in ihrem Spielfilmdebüt eine alternative Perspektive zur Missbrauchsbewältigung. Nore ist eine aktive Figur, die sich mit großer Energie gegen die ihr zugedachte Rolle wehrt. Die großartige Dana Herfurth bringt die fröstelnde Verletzlichkeit der Hauptfigur präzise auf den Punkt. Die Regie konzentriert sich konsequent auf die weiblichen Figuren. Die Männer, mit denen Nore schläft, werden lediglich als auswechselbare Statisten ihrer Strategie eingeführt. Small Town Girl zeigt die harte Realität hinter dem Selbstentwurf der radikalen Unabhängigkeit. Das unverblümte dialogstarke Drama fordert eine direkte Auseinandersetzung mit der psychischen Last der Protagonistin und zwingt das Publikum zur Reflexion darüber, welche strategischen Mechanismen des Überlebens eine solche Abspaltung vom eigenen Schmerz erzeugen kann.
Grit Dora
Buch: Hille Norden
Regie: Hille Norden
Darsteller: Dana Herfurth, Luna Jordan, Vera Fay, Jakob Geßner, Jan Georg Schütte, Marcel Heuperman, Johann von Bülow, Wanja Mues, Julian Greis, Campbell Caspary, Kjell Brutscheidt, Mehmet Ateşçi, Yann Mbiene, Jan Viethen
Kamera: Bine Jankowski
Produktion: Leitwolf Filmproduktion GmbH, Kinescope Film GmbH, ZDF/Das kleine Fernsehspiel
Bundesstart: 15.01.2026
Start in Dresden: 15.01.2026