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Die Blumen von gestern

Drama/Komödie, Deutschland/Österreich 2016, 126 min

Eine handfeste Komödie sollte immer auch ein ernstes Thema haben. Greift der Komödiant dabei nach dem Holocaust, dann sollte er ordentlich zupacken. Wie Chris Kraus; der Regisseur setzt hier einen neuen Standard. Und stößt dabei ein Fenster auf; die frische Luft wirbelt reichlich Staub vom deutschen Zelluloid. Eine unterhaltsame Portion Mut gefällig? Aber Vorsicht, diese Komödie kann Spuren von Depression, Leid und Verderben enthalten. Lars Eidinger steckt in der Rolle des Holocaust-Forschers Totila Blumen und beide erhitzen sich an der täglichen Reibungsarbeit, die eine solche Profession hierzulande mit sich bringt. Wenn Überlebende kurz vorm Aussterben makabre Gelassenheit annoncieren, oder wenn der Chef geschäftstüchtigen Pragmatismus offenbart, ist es schnell vorbei mit Blumens Contenance. Vom latenten, kleinen Alltags-Rassismus ganz zu schweigen. Unter Kollegen verursacht solche Explosivität nur Kopfschütteln, doch wegen gewisser Befangenheiten sei dem Manne verziehen. Er hat sich diese Arbeit nicht ausgesucht. Er wurde da hineingeboren. Die Verbrechen des eigenen Großvaters treiben ihn. Und weiß Gott: im Hier & Heute kann ein Betroffener schon verzweifeln an der Holocaust?-Ich-kann-es-nicht-mehr-hören-Mentalität der Deutschen. Rettung naht, als Totila gerade an einer gewissen, strukturellen Schwermut leidet. Sie heißt Zazie (Adèle Haenel), ist sehr jung und Französin, hat ein Verhältnis mit Totilas Chef. Zazie pflegt eine ganz eigene Verdrehtheit, die bestens zu der von Totila Blumen passt. Ihre Lunte brennt genauso kurz. Nicht nur, wenn es um die Verbrechen der Vergangenheit geht. Die Beiden kommen sich schnell näher, zu sehr ähnelt sich ihr Gebrauch von Sarkasmus und ihre Familiengeschichte berührt sich an einem sehr wunden Punkt.
Wenn sich heute zwei Menschen in Deutschland verlieben, sollten sie auch nach den Leichen im Keller schauen. Regisseur Chris Kraus gefiel die durchaus realistische Idee vom Täter-Enkel und der Opfer-Enkelin, die sich in der zentralen Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg begegnen. Wo Kraus selbst Jahre über der Vergangenheit seiner Familie brütete. Und alles, was er dort lernte, in seinen Film packte; den Humor genauso wie die Trauer. Und nicht zuletzt den Mut.
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