27. April 2017

Schadet zuviel Kiffen dem Film?

Pro & Contra – »Lommbock«
Schadet zuviel Kiffen dem Film?

Bleibtreu zeigte im April/Mai gleich in zwei Filmen, wie vielseitig er ist. Allerdings wusste nur einer der beiden Regisseure, sein Talent richtig in Szene zu setzen. Es bleiben Fragen. Schadet zuviel Kiffen einem Film?

Pro:

Christian Zübert servierte 2001 mit seinem Werk »Lammbock« nichts weniger als die Jacobs-Krönung einer gelungenen deutschen Komödie. Kultfilm, Zitatenlexikon, Tarantino-Huldigung, Mehmet Scholl-Liebesbekenntnis: Der ungezwungene Spaß um zwei Berufsjugendliche, die sich mit dem heimlichen Verkauf von Marihuana ihren Pizzaservice und ein unbeschwertes Leben finanzieren, hat sich zu Recht über die Jahre hinweg eine treue Fanbase aufgebaut, die den Anhängern von »Trainspotting« in nichts nachsteht. Und auch Wiederholungstäter Zübert gelingt wie seinem britischen Regiekollegen Danny Boyle mit »T2 Trainspotting« das Unerwartete: eine Fortsetzung, die genauso korrekt gebaut ist wie das Original.

Wären beide Filme, »T2« und »Lommbock«, nicht zur gleichen Zeit entstanden, man könnte meinen, Zübert habe sich von Boyle inspirieren lassen: Selber Regisseur, selbe Darsteller, selber Film? Denkste! Vielmehr eine kongeniale Weitererzählung der Alltagsabenteuer von Kai (Moritz Bleibtreu) und Stefan (Lucas Gregorowicz), die zwar 16 Jahre älter, aber keinesfalls vernünftiger geworden sind, was ihre liebste Freizeitbeschäftigung angeht. Was mit einem entspannten Kiffernachmittag beginnt, endet im zwar erwartbaren, aber herrlich amüsanten Chaos, das vor allem aufmerksame Kenner des Erstlings belohnt – sei es der kurze Augenkontakt mit einem ganz besonderen Psychiatrie-Patienten oder eine nebenbei fallen gelassene Bemerkung über Stefans behinderten Neffen.

Alter, etwa schon wieder eine Fortsetzung nur für Fans? Das ist ja auch okay, ist ja in Ordnung, aber da muss man doch nicht immer stundenlang drüber reden. Warum behandelt so ein Film nicht mal irgendwas Wichtiges? Probleme des Lebens zum Beispiel?!? Zugegeben, eine Komödie mit tagespolitischer Thematik, wie sie uns die Franzosen derzeit wöchentlich um die Ohren hauen (»Alles unter Kontrolle«, »Ein Dorf sieht schwarz«) ist »Lommbock« nicht geworden. Zübert lässt sein Statement zur Welt von heute vielmehr im Subtext mitschwingen: Da sprechen sämtliche Charaktere plötzlich mitten im Satz polnisch miteinander und verstehen sich prächtig, und die Befürchtung, der Stiefsohn könnte ein Terrorist in spe sein, entpuppt sich als unerwartetes Kompliment für Kai: der Teenager eifert lediglich seinem Ersatzpapa nach und vertickt feinstes Dope. Wie Bleibtreu diesen sympathisch überforderten Erziehungsberechtigten gibt, der quasi sein jüngeres Ich zur Vernunft bringen soll, ist äußerst amüsant anzusehen – und beweist Züberts großes Können als Drehbuchautor.

Um es auf den Punkt zu bringen: »Lommbock« kickt besser als Mehmet Scholl. Der war übrigens vom ersten Teil, in dem er ja eine ganz besondere Lobhudelei erhält, überaus angetan: „Ich hab den Film im Kino gesehen mit einer Mütze auf dem Kopf und bin immer mehr in meinem Sitz versunken. Rein wegen der Dialoge. Dann ging’s ja drum, dass ich so ein Riesenteil hätte und meine Freundin saß daneben und hat gesagt, das ist ja glatt gelogen. Ja, eine skurrile Erfahrung.“ Und eine, die ihm einen absoluten Gourmet-Moment im zweiten Film beschert hat. »Lommbock«: ein voll korrekter Shootie!

Csaba Lázár


Pro Moritz

Schadet zuviel Kiffen einem Film? Eine Frage, die man mit klarem Nein beantworten muss. Nicht nur ist »Lommbock« und mit ihm zahlreiche großartige Werke der Film- und TV-Kunst ohne das Gras und seine Wirkung undenkbar - es sei nur u. a. erinnert an »The Big Lebowski«, »Bube Dame König GrAs«, »Grasgeflüster« oder »Weeds« -, es ist außerdem belebend selbst für Ausnahmeschauspieler wie Moritz Bleibtreu und in diesem speziellen Fall auch Lucas Gregorowicz. Was passiert, wenn diese Wirkung fehlt, sehen wir an drei weiteren Filmen mit Moritz Bleibtreu.

Zu »Lommbock« ist viel Gutes gesagt, die Fortsetzung von »Lammbock« punktet mit Witz, einer durchaus komplexen Geschichte mit vielen Sidekicks, schrägen Typen sowie Szenen, die unter die Gürtellinie gehen. Und über allem schwebt die süßliche Wolke des hammerharten Bio-Gras aus der Region. Was will man mehr? Klar können Feingeister die fehlende soziale Tiefenzeichnung bemäkeln oder logische Haken in der Geschichte. Aber Kultfilme leben nun mal von gefallenen Helden und deren Verwicklungen. Denn Stefan und Kai sind genau das, auch wenn das Drehbuch so tut, als wäre Stefan im Turbokapitalismus ganz vorne angekommen. Isses aber nichts, sogar, dass seine arabische Prinzessin auch raucht, hat er nicht mitbekommen.

So hängen die beiden symphatischen Verlierer, die uns im Verlaufe des Films noch weiter ans Herz gewachsen sind, am Ende im Hochsicherheitsbereich eines Flughafens und wollen sich einen Joint teilen. Raus aus der Enge der Weltmetropolen und Leistungsgesellschaft, befreit von allem. Ein wunderbares Abschlussbild, wie zwei Käfer hängen die beiden in der Luft, gleich wird etwas in der Realität unschönes passieren und der Zuschauer lacht. Es schwingen mit - tragische Schicksale, soziale Relevanz oder Gesellschaftskritik, Aufmüpfigkeit oder Aufbegehren, Tragödie und visionärer Ausblick. Was will Kintopp mehr?

Was wäre aber der Film ohne Moritz Bleibtreu? Vermutlich würden wir ihn dann nicht so überschwänglich loben. Denn Moritz Bleibtreu prägt den Film maßgeblich durch die Vielfalt seiner Ausdrucksweise, dem hintergründigen Witz und der dosierten Komik. Eigenschaften, die ihn zu einem Ausnahmetalent im deutschen Film machen. Allein der Blick auf seine Filmografie offenbart die pure Vielzahl und Vielfalt seiner Rollen. Darunter große deutschen Kinoerfolge wie »Lola rennt«, »Das Experiment« und »Knockin’ on Heaven’s Door«, Autorenfilme wie »Soul Kitchen« und »Elementarteilchen«, kleinere Experimente wie »Stereo« und »Die dunkle Seite des Mondes« oder Kinderfilme »Lippels Traum« und »Rico, Oskar und das Herzgebreche«. Es kann nicht nur Zufall sein, dass Moritz Bleibtreu bei so vielen, auch im Nachgang wichtigen Filme besetzt war.

In diesem Zusammenhang sei auch auf einen aktuellen Film mit ihm in der Hauptrolle, sozusagen die Antithese hingewiesen - »Es war einmal in Deutschland«. In dem wird nun ausnahmsweise nicht geraucht, schade eigentlich. Denn der Komödie über das Schicksal von Holocaustüberlebenden war leider keine lange Verweildauer im Kino beschieden.

Regie führte immerhin Sam Garbarski (»Irina Palm«), an der Seite von Moritz Bleibtreu spielen u. a. Antje Traue, Tim Seyfi und Anatole Taubman. Die Geschichte von David und seinen Brüdern, die einst Inhaber eines großen Kaufhauses in Frankfurt am Main waren, werden von dem großartiges Ensemble glaubhaft, wahrhaftig und mit viel Tiefe erzählt. Im Nachkriegsdeutschland tingelt er mit seinen Mitstreitern – den „Teilachern“ – übers Land, Bettwäsche und Handtücher unterm Arm, im Kofferraum und auf der Ladefläche und verkauft mit viel Chuzpe seine Ware samt allerlei Geschichten, um einen Neuanfang in Amerika zu wagen. Das Repertoire der Teilacher ist sehr breit: Mal hilft ein gespielter Kreislaufzusammenbruch und dann muss die potentielle Kundin mittels Fußmassage erst „geheilt“ werden. Sam Gabarski erzählt die dramatischen Ereignisse immer wieder durch Witz und Humor gebrochen.

Natürlich beweist das fehlende Zuschauerinteresse an diesem Film, dass es eben nicht reicht, Moritz Bleibtreu in der Hauptrolle zu besetzen. Warum er aber ausgerechnet auch mit zwei weiteren hochkarätigen Stoffen aus der Nazizeit am Publikum scheiterte, erscheint seltsam. Das war zum einen 2010 »Jud Süß – Film ohne Gewissen«, da spielt Moritz Bleibtreu meisterhaft den großen Verführer, und auch die Tragikomödie »Mein bester Feind« von 2011 über zwei Freunde im Nationalsozialismus. Der eine macht in der SS Kariere und der andere muss als Jude ins KZ, beide aber suchen aus dem Familienbesitz die Zeichnung Michelangelos, die Hitler an Mussolini übergeben will. Auch heute wiederholt sich das fehlende Publikumsinteresse an diesem Thema. Verwunderlich, denn nicht nur im Fernsehen gelten Filme mit Adolf H. und/oder über den Nationalsozialismus gemeinhin als echte Quotenbringer.

Was das aber alles mit Kiffen zu tun hat? Wir wissen es schlicht nicht. Wir können aber vermuten:)

Mersaw

http://www.wildbunch-germany.de/movie/lommbock