Der Dolmetscher

Drama/Komödie, Slowakei/Tschechische Republik/Österreich 2018, 113 min

Aus eigenem Antrieb hätte sich Georg Graubner (Peter Simonischek, großartiger Jedermann) sicher niemals auf den Weg gemacht, die Verbrechen seines Vaters an den europäischen Originalschauplätzen begreifen zu wollen. Irgendwie hat er sich eingerichtet. Hat die Last, einen Nazi-Massenmörder als Vater gehabt zu haben, 'in einen Rucksack gepackt', unters Bett geschoben und ihn sein ganzes Leben lang ignoriert. Aufgesetzt und damit herumgewandert ist er nie. Als eines Tages der 80-jährige Ali Ungár (Jiří Menzel, großartiger OSCAR-Preisträger) an seiner Tür klingelt, der den SS-Mann Kurt Graubner als Mörder seiner Eltern ausfindig gemacht hat, versucht er diesen abzuwimmeln; schließlich sei der alte Herr bereits gestorben. Graubner erkennt aber auch die einmalige Chance, sich mittels Ungárs Hilfe zu den Tatorten in der Slowakei begeben zu können. Also vereinbaren das 'antisemitische Schwein' und der 'zionistische Übermensch' ein Dolmetscher-Honorar und machen sich gemeinsam auf die Reise. Regisseur Martin Šulík (»Der Garten«) weiß genau, wen er hier in ein Auto setzt, auf eine Hochzeit schickt, in Archiven wühlen oder ein Paar junge Anhalterinnen aufgabeln lässt; unterschiedlicher könnten zwei Menschen kaum sein. Ein Wiener Lebemann, dem man noch in jeder Szene die schlechte Erziehung (schließlich saß der Herr Vater ja im Gefängnis) anmerkt, und ein stiller Schelm, der eine geladene Pistole mit sich herumträgt…
„Die Schuld des Großvaters ist die Schuld des Großvaters."" resümierte einst Ferdinand von Schirach, der Enkel des Reichsjugendführers, Bettina Göhring ließ sich sterilisieren, sie glaubte wohl noch immer an das Böse in den Genen, und Niklas Frank, Sohn von Hans Frank und unermüdlicher Vortragsreisender gegen das Vergessen, richtet seine Vorfahren allabendlich eigenhändig hin. Denken Sie bitte nicht, die Kinder eines Opfers sind besser dran als die Kinder eines Mörders. Vergleiche dieser Art verbieten sich.
Alpa Kino