Sorry We Missed You
Eine Familie in Newcastle: Die Mutter Abbie (Debbie Honeywood) arbeitet als Altenpflegerin und wird nicht nach Stunden sondern nach Patienten bezahlt, der Vater Ricky (Kris Hitchen) findet keinen Handwerkerjob mehr und versucht sich als selbstständiger Franchise-Paketbote. Die Hoffnung ist, ein bisschen mehr Unabhängigkeit zu erlangen und die Schulden loszuwerden (die Finanzkrise von 2008 wirft einen langen Schatten). Ricky verkauft das Auto seiner Frau, um die Raten für den Lieferwagen abzahlen zu können und findet sich in einem knallharten System mit strengen Lieferzeiten wieder. Schnell werden die krassen Arbeitsbedingungen deutlich, um das Pensum zu schaffen, kippt er Energy Drinks, pinkelt während der Fahrt in Flaschen und kämpft gegen den Sekundenschlaf. Zeit für die beiden Kinder, die kleine Tochter und den pubertierenden Sohn (Rhys Stone) findet er kaum mehr. Ricky Junior gerät auf Abwege, verständlicherweise hat er wenig Interesse daran, so zu leben wie seine Eltern, er sieht keine Perspektive. Ricky Seniors Haut ist zu dünn, um Verständnis aufzubringen, er explodiert, wo er Ruhe bräuchte. Die Lage spitzt sich zu, im Job ebenso wie zu Hause. Kein Ausgang in Sicht …
Der 83-jährige Ken Loach hat schon mehrfach angekündigt, in den Regie-Ruhestand zu gehen. Erfreulicherweise gelingt es ihm noch nicht. » Sorry We Missed You« fühlt sich inhaltlich und formal an wie die Fortsetzung von »Ich, Daniel Blake« (Goldene Palme 2016), selbst die Schauplätze sind identisch. Keiner zeigt das Leben am unteren Rand der Mittelschicht kurz vorm Abrutschen so präzise und einfühlsam wie Loach, der seine Herkunft nie vergessen hat - er ist Sohn eines Elektrikers und zugleich Oxford-Absolvent. Sein steter Optimismus aber mündet in diesem neuen Film in einen ausweglosen Blick auf die gnadenlose Maschinerie des Systems, gegen die nur jene geschützt sind, die über hochwertige Bildung und Finanzkraft verfügen. Aki Kaurismäki, der inhaltlich dicht an Loach dran ist, aber mit den Mitteln des Märchens die Würde der Unterprivilegierten hochhält und Loach, der fast dokumentarisch arbeitet, haben viel gemeinsam. Ihr Lebensthema ist die soziale Ungerechtigkeit des vermeintlichen Rechtsstaates.
Grit Dora
Buch: Paul Laverty
Regie: Ken Loach
Darsteller: Kris Hitchen, Debbie Honeywood, Rhys Stone, Katie Proctor
Kamera: Robbie Ryan
Musik: George Fenton
Produktion: Sixteen Films, BBC Films, BFI Film Fund, Les Films du Fleuve, Why Not Productions, Wild Bunch, Rebecca O’Brien, Jack Thomas-O’Brien, Philippe Logie
Bundesstart: 30.01.2020
Start in Dresden: 30.01.2020
FSK: ab 12 Jahren