Ema

Drama, Chile 2020, 102 min

Hin und wieder kommt ein Film um die Ecke, über den man genau drei Wörter abliefern möchte; geh und sieh. Trau dem Bauch, schließ die Augen und taste dich ins dunkle Kino. Wo dich der Film aufnimmt und adoptiert; schwarzes Loch, Beats, Feuer. Wer einmal ausprobieren möchte, was modernes Kino für Spuren auf einem unberührten Zuschauer-Blatt hinterlässt, höre hier auf zu lesen… Die furchtlos anmutende Ema (Mariana Di Girolamo) steckt in der Klemme. Sie kann ihrem gerade zurückgegebenen Adoptivsohn Polo (Cristián Suárez) keine zweite Chance einräumen. Diesen Weg zurück hat ihr die Behörde verbaut, das Kind wurde bereits weiter vermittelt. Den Weg nach vorn haben sich Ema und ihr Mann Gastón (Gael Garcia Bernal) selbst blockiert, vielleicht etwas voreilig, als sie dem achtjährigen Polo ihre geliehene Elternschaft wieder entzogen, weil der Emas Schwester beim Zündeln schwer verletzt hatte. Was Ema bleibt, ist ein Schritt zur Seite. Raus aus ihrem Koordinatensystem. Mit Schritten kennt sich die junge Reaggeaton-Tänzerin aus: Übersetzt der Film doch alle Gefühlsregungen seiner Protagonistin in getanzte Körpersprache. Sie und ihre Mädels checken jeden Quadratmeter der Stadt auf dessen choreografischen Mehrwert ab. Was anmutet wie ein charmanter Regie-Trick, nach schwer beladenem Kirchendrama »The Club«, selbstbewusster Dichterikone »Neruda« oder dem witwentröstenden »Jackie«, als wechselte Pablo Larraín nun leichten Fußes zu einem neon-sprühenden Tanzfilm im chilenischen Valparaiso, sparte somit Drehbuchtext, erschlösse sich hüftlockeres Publikum - ist trotz augenscheinlicher Verwandtschaft mit blockbusterartig geklickten Musikvideos ein visueller Geniestreich. Pablo Larraín weiß, wo er die Lunte platzieren und wann er sie anzünden muss… Ema gibt nicht klein bei, sie sprüht Funken, erforscht ihre Grenzen als Mutter, als Frau und als frisch gebackene Besitzerin eines Flammenwerfers.
Alpa Kino