Oliver Twist

Drama, Tschechische Republik 2005, 130 min

Dass gerade Roman Polanski sich anschickt, den seit 1909 mehrfach verfilmten Charles Dickens-Klassiker »Oliver Twist« noch einmal groß ins Kino zu bringen, ist ein Glücksfall. Denn Polanskis Filme machen ganz besonders dann Spaß, wenn sie nicht im Heute und Hier spielen. Er ist ein Meister „echter Kulissen“ und versteht sich auf die Kunst der Zeitreise. Die Reise führt uns zur Schwelle zwischen viktorianischem England und der beginnenden industriellen Revolution. Ort der Handlung ist London. Auf der einen Seite wachsen die Slums schneller, als es die Stadt verkraften kann, auf der anderen Seite stehen sich Adel und aufstrebendes Bürgertum gegenseitig auf den Füßen. Der junge Oliver Twist gelangt etwa zu der Zeit nach London, als die neuen Armen-Gesetze von 1834 zu greifen beginnen, welche man getrost als Urahn von Hartz IV betrachten kann. Die Mittel- und Arbeitslosen erhalten ihre finanzielle Unterstützung fortan nur noch, wenn sie sich in den Arbeitshäusern „Poor Law Unions“ einfinden, wo sie im Gegenzug für die erhaltene Unterstützung alle anfallenden Arbeiten für die Gemeinde zu verrichten haben.
Ehe Oliver Twist (Barney Clark, der eine wundervolle Entdeckung ist) dort anlangt, hat er bereits eine bewegte und gefährliche Reise hinter sich gebracht, als Waise im Armenhaus, Lehrling bei einem Totengräber oder als Landstreicher. In London lernt er neue Freunde kennen und gerät schnell unter die „Fittiche“ des skrupellosen Hehlers Fagin (Sir Ben Kingsley schlüpfte jetzt in die Kostüme von Alec Guinness oder George C. Scott). Fagin lässt eine stattliche Zahl Jungs für sich „arbeiten“. Ein wenig Zuneigung gewährt dem Jungen die Hure Nancy, doch im Grunde ist hier jedem das Hemd näher als der Rock. Gleich am ersten richtigen „Arbeitstag“ für Fagin droht das Schicksal damit, Oliver direkt ins Gefängnis zu verfrachten. Der Junge erlebt neben Verrat und Gier jedoch auch Menschlichkeit und Zuneigung und dann wieder Neid und Missgunst. Irgendwie hat man das Gefühl, die vergangenen 160 Jahre konnten der Geschichte von Charles Dickens kaum viel anhaben. Sie ist zeitlos und genial, sie ist Weltliteratur und auf eine traurige Art sehr aktuell. Im direkten Vergleich mit einem anderen etwa gleichaltrigen Leinwandhelden in diesem Kinoherbst vollbringt Barney Clark jedenfalls die weitaus größeren Zauberkunststücke.