Gabrielle - Liebe meines Lebens

Drama, Frankreich/Italien/Deutschland 2005, 90 min

Paris 1912: Die Herveys sind Leute von Welt. Großbürgertum mit Stadtvilla, mindestens sechs Dienstmädchen, das normale Personal nicht mitgerechnet. Madame und Monsieur sind selbstbewusst, wohlerzogen und wortgewandt. Alles in allem; erstarrt in einer eleganten Pose aus gesellschaftlichen Konventionen. Gabrielle und Jean führen keine Ehe, sie spielen ein Theaterstück. Mit wiederkehrenden Dialogen, auf engstem Raum und mit einem beflissenen Personal, das ihnen ständig behilflich ist beim Kostümwechsel.
Auf dieser Bühne passiert an einem Donnerstagnachmittag eine ärgerliche Panne. Jean findet einen an ihn adressierten Brief auf seinem Schreibtisch. Er ist empört, denn „abgesehen davon, dass jede sonderbare Handlung grundsätzlich ungehörig war, machte die Tatsache, dass seine Frau sich derartiges erlaubte, die Sache doppelt ärgerlich. Dass Gabrielle ihm überhaupt schrieb, wo sie doch wusste, dass er zum Abendessen zu Hause wäre, war vollkommen lächerlich…“.
Der Mann, der seit Beginn des Filmes fünfzehn Minuten ununterbrochen geredet hat, stockt mitten im Satz und bricht zusammen. Gabrielle ist fort. Sie hat ihn verlassen wegen eines anderen, noch dazu“wegen eines ausgemachten Esels“. Der Mann, der jegliche Gefühlsregungen erklärtermaßen für abstoßend hält, hat sich binnen weniger Minuten wieder im fest Griff. Doch jetzt erst geschieht das Unerhörte. Gabrielle kehrt zurück. Sie habe ihre Entscheidung revidiert und hätte doch lieber, dass alles so bleibt, wie es war.
Patrice Chereau gelingt mit der kammerspielartigen Verfilmung von Joseph Conrads Novelle »Die Rückkehr« ein ganz radikaler Wurf. Im Folgenden schneiden Jean und Gabrielle mit messerscharfen Sätzen und hasserfüllten Wahrheiten einander Stück für Stück abgestorbenes Fleisch vergangener Ehejahre von ihren müden Seelen. Auf faszinierende Weise steigen die beiden Vollblutschauspieler Huppert und Greggory dabei mehr und mehr aus ihren einstudierten Rollen und zeigen sich nach neun Ehejahren ein erstes Mal ihre wahren Gesichter. Bis zum verblüffenden Ende sind sie nackter, als es die unbekleideten Protagonisten in Chereaus »Intimacy« jemals waren.