Die Invasion der Barbaren

Komödie, Kanada/Frankreich 2003, 99 min

In der inoffiziellen Fortsetzung seines großen Erfolges »Der Untergang des Amerikanischen Imperiums« führt der kanadische Regisseur Denys Arcand die sechs Hauptfiguren des Vorgängers erneut zusammen, konzentriert sich diesmal im wesentlichen aber auf den an Krebs erkrankten Rémy (Rémy Martin), der in den Tagen vor seinem Tod über sein Leben reflektiert. Voller Wortwitz und emotionaler Momente, ist »Die Invasion der Barbaren« eine berührende Studie über die Wirren eines erfüllten Lebens.
Der von seiner Frau Louise getrennt lebende Hochschuldozent Rémy erfährt, dass er unheilbar an Krebs erkrankt ist. Louise bittet den gemeinsamen Sohn Sébastian, seinen Vater noch einmal zu besuchen. Mehr aus Zuneigung zu seiner Mutter sagt dieser zu, beginnt jedoch sofort nach seiner Ankunft, sich immer hingebungsvoller um den Vater zu kümmern. Er erwirkt dessen Verlegung in ein Einzelzimmer, bringt Rémys Freunde und ehemalige Affären zusammen und sorgt sogar dafür, dass Rémy mit Heroin versorgt wird, um die Schmerzen erträglicher zu machen. Doch »Die Invasion der Barbaren« beschreibt nicht einen Krankheitsverlauf, keine Beichte in den letzten Lebensmomenten, statt dessen zeichnet Arcand das Bild eines Mannes, der trotz aller Zweifel an seinem Wirken auf ein erfülltes, glückliches Leben zurückblickt.
Neben dieser persönlichen Ebene entfaltet Arcand ein skeptisches Gesellschaftsbild, zeigt das marode Gesundheitssystem Kanadas als exemplarisches Beispiel für den Verfall der modernen Welt. Der Wertewandel zeigt sich besonders im Kontrast zwischen der jungen und der alten Generation. Die älteren, aus dem ersten Film übernommenen Protagonisten betrachten ihr Leben zwar skeptisch, manchmal auch zynisch, sind jedoch trotz aller Probleme mit sich und ihrem Leben zufrieden. Die jungen dagegen, sei es Sébastian, der sich vor allem auf die Kraft des Geldes verlässt und sich nur langsam dem entfremdeten Vater nähert, oder die drogenabhängige Nathalie (Marie-Josée Croze, die für ihre Darstellung, ebenso wie das Drehbuch, in Cannes ausgezeichnet wurde), sie tragen schwerer an ihrer Existenz als ihre Eltern.
All diese Ebenen verwebt Arcand beiläufig zu einem vielschichtigen, komplexen Film, der seine zahlreichen Bezüge und Anspielungen in den pointierten Dialogen und der schnellen Szenenabfolge bisweilen geradezu versteckt. All dies macht »Die Invasion der Barbaren« mit zu einem der intelligentesten, herausragendsten Filme des bisherigen Kinojahres. Michael Meyns