TRAILER

Blade Runner 2049

Action, USA 2017, 164 min

Ein legendärer Science-Fiction-Film erhält eine späte Fortsetzung. In der Redaktion des Kinokalender Dresden wird das unterschiedlich aufgenommen.

Pro:
Psst, bitte nicht Herrn Ridley Scott sagen: Es ist ein Glücksfall, dass er nicht die Regie bei »Blade Runner 2049« übernommen hat. Andernfalls hätte es womöglich genauso geendet wie bei seinen beiden Alien-Nachfolgern »Prometheus« und »Alien: Covenant«: Gut gemeint, schnieke aussehend, aber irgendwie überflüssig. Auftritt Denis Villeneuve: Der Kanadier hat in den vergangenen Jahren ausnahmslos Qualitäts-Kino abgeliefert und outete sich schon früh als großer Fan des Originals »Blade Runner« von 1982. Hommage und sinnvolle Weitererzählung wollte er erschaffen, eine Verbeugung vor dem Genreklassiker und gleichzeitig ein mutiger Neuanfang, der die Geschichte ideenreich und intelligent weitererzählt. Mission mit Bravour erfüllt!

Es grenzt schon an ein Wunder, dass im von Comic-Helden übervölkerten Hollywood ein solches Epos überhaupt noch entstehen kann. Gemächlich erzählt, Gehirnschmalz fordernd und überraschende 100 Minuten (von 164) ohne Harrison Ford, der neben Ryan Gosling immerhin als Hauptdarsteller genannt wird. Letzterer gibt den Replikanten - künstlich geschaffenen K -, der trotz Ausgrenzung und ständiger Abschätzung durch echte Menschen für sie seinesgleichen jagt und anschließend „in den Ruhestand versetzt“ werden soll. Dabei entdeckt er Hinweise auf etwas, das es in dieser Dystopie eigentlich nicht geben kann und darf. Um mehr darüber zu erfahren, begibt er sich auf die Suche nach Rick Deckard (Ford), einem seiner Vorgänger, der sich im ausgestorbenen Las Vegas, fernab der Zivilisation, ein Refugium geschaffen hat. Ks Verfolgern kommt diese Begegnung sehr gelegen.

Gänsehaut pur beim Geek im Kinosessel, wenn Mr. Ford erstmalig in Erscheinung tritt - ist diese Einstellung doch exakt so inszeniert wie Deckards Abgang am Ende des ersten Teils. Aber anders als beispielsweise »Star Wars: Das Erwachen der Macht«, in dem der inzwischen 75-jährige Ford ja ebenso grandios die Szenerie betrat, ist »Blade Runner 2049« eben nicht nur ein aufgepepptes Duplikat des Originals. Hier gibt’s neues Augen- und Denkfutter, vermischt mit Zitaten an den Vorgänger und überraschenden neuen Interpretationen der bereits bekannten Geschichte. Villeneuve hat quasi einen modernen Replikanten des Erstlings vorgelegt: Weiterentwickelt, aber dennoch sehr vertraut.

Über 35 Jahre später sind Fragen nach künstlicher Intelligenz und dem Wert des Lebens in einer Welt, in der alles ersetzbar scheint, natürlich aktueller denn je. Besonders deutlich wird dies in Ks Privatleben, das er sich mit einem Hologramm teilt: Joi (Ana de Armas) - der Name ist hier Programm - ist liebevolle Partnerin, Ehefrau und Insel der Glückseligkeit für den einsamen Agenten. Wer sich immer schon mal gefragt hat, wie der Körper zur sexy Computerstimme im Film »Her« aussieht, findet hier die Antwort.

Wer es lieber existenzieller mag: Der Film ließe sich auch wunderbar als Gleichnis zum aktuellen Weltgeschehen lesen, in der Menschen aufgrund ihrer Abstammung/Herkunft ausgegrenzt und verfolgt werden, die Erde, inzwischen all ihrer Rohstoffe beraubt, einer riesigen Müllhalde gleicht, und Optimierung sogar beim Erschaffen neuer Lebewesen oberste Priorität hat. Wer bestimmte Qualitäten nicht erfüllt, darf sogleich wieder das Zeitliche segnen. Bitter.

Im Original verabschiedete sich Rutger Hauer alias Replikant Roy Batty mit den Worten: „Ich habe Dinge gesehen, die ihr Menschen niemals glauben werdet.“ Ob er damit diesen außergewöhnlichen Film meinte?

Csaba Lázár


Contra
Huch was war das denn? Muss uns die Fortsetzung eines Klassikers am Ende die Freude verderben, Zweifel auflösen und mittels eines angepapptem Showdown die Freude nehmen? Doch der Reihe nach. Denis Villeneuve offeriert uns zu Beginn eine Fortsetzung, die es in sich hat. In den Fußstapfen von Tarkowiski und Kubrik wandelnd, erweist er sich erneut als visionärere Erzähler, der magische Bilder erschafft und einen großen Spannungsbogen in eine unheimliche Zukunft aufbaut. Dabei werden die großen Fragen nach der Einzigartigkeit menschlicher und der Grenzen künstlicher Intelligenz und der Schöpfung en passent entwickelt und in eine auch ironisch überzeichnete dystopische Versuchsanordnung eingewebt. Ca. 120 großartige Kinominuten dauert das Wunder, plötzlich aber lösen sich Figuren, Settings und die Geschichte in teils kruden Purzelbäumen auf. Cop K gerät in eine unterirdische Veranstaltung der Systemkritiker, finster dreinschauende Replikanten, die sich für den Widerstand zusammenfinden, die verdammt an »Matrix 2« oder gar an alte Sandalenfilme erinnern. Gut, denke ich mir, kann passieren. Doch danach folgt der Showdown, der wirkt fast wie aus einem B-Movie gefallen. Kann die Schlägerei im absaufenden Fahrzeug des Tycoon Wallace am Strand, die offensichtlich im Studio entstand, überhaupt so genannt werden? Egal, Harrison Ford als Rick Deckard tut einem da schon fast leid, wie er regungslos dem unfairen Schlagabtausch zwischen Ryan Gosling und der wirklich bezaubernden Sylvia Hoeks (übrigens aktuell bei uns in der deutschen Trennungskomödie »Whatever Happens« zu sehen) zuschauen muss. Natürlich wird er gerettet und der Film darf zum Happyend schreiten, die Produzenten damit auch noch die nachgewachsenen Zielgruppe abgreifen. Wir sehen und staunen, K kann Deckard zu seiner Tochter Dr. Ana Stelline führen. Immerhin ist der Oberbösewicht Niander Wallace irgendwie auf den letzten Metern abhanden gekommen und so bleiben also genug Optionen für neue Folgen. Denkbar wären Themen wie „die Maria des postapokalyptischen Systems“, „gute Replikanten im Kampf gegen ein korruptes System“ oder ähnliches.
Aus der einfachen aber deutungsoffenen Plattform des Klassiker, der zahlreiche grundsätzliche Fragen aufwirft ohne zu belehren oder über klare Antworten zu verfügen, wird eine in sich geschlossene und die Antworten auf (fast) alle aufgeworfene Fragen liefernde Kopie. Ergebnisoffener Diskurs war gestern, heute gibt es klare Positionierungen und Ansagen. Die einen nennen es Populismus, die anderen Fake News und wieder andere Lügenpresse. So einfach ist das heute.
Ryan Gosling ist großartig, er verkörpert, trotzdem er „nur“ ein Replikant ist, den klassisch gefallenen Helden, die an den Umständen leidende, durch eigene Handlung sich behauptende Existenz. Den Klassiker interpretiert er herausragend und ist allein Grund genug, den Film zu sehen. Andere Gründe wären - die visionären Bilder, die großartige Erzählweise zu Beginn und die weiteren Darsteller wie Ana de Armas, Sylvia Hoeks, Carla Juri und Robin Wright. Wohl nicht zufällig stehen drei nicht amerikanische Darstellerinnen, darunter eine aus der Schweiz und eine aus den Niederlanden, vor der Kamera.
Die Mängel des Film, das aufgesetzt wirkende Ende, die Schwächen der Geschichte, der teils zu dominante Soundtrack, der an manchen Stellen mächtig anschwillt, sind weniger Denis Villeneuve, einer der innovativsten Regisseure derzeit, als eher den Produzenten und der Konstellation geschuldet. Zum Teil erinnern sie an die Probleme mit den anderen Fortsetzungen aus dem Scottschen Universum so z. B. »Alien«. Nicht alles sollte abschließend geklärt sein und auserzählt werden. Kino ist Magie, daher immer auch transzendent und damit Projektionsfläche für die Gedanken des Zuschauers und aktueller Debatten.
Mersaw
Csaba