Barfuß auf Nacktschnecken

Drama, Frankreich 2010, 109 min

Ein blondes Mädchen in gleißender Sonne, ein Reh am Waldrand, ein toter Hase - sie steckt ihn ein. In ihrem „Büro“ - einer Gartenhütte - nimmt sie ihn aus und macht aus dem Fell seltsame Kleidungsstücke und Dekorationen. Sie umstrickt Baumstämme und stopft sich bei der Beerdigung ihrer eigenen Mutter genüsslich mit Süßigkeiten voll. Zuvor hatte sie ein ergreifendes Gedicht vorgetragen, in kindlicher Schrift auf einen Zettel notiert. Ganz klar, dass Lily (Ludivine Sagnier) nach dem Tod der Mutter nicht alleine in dem einsamen Haus bleiben kann, sondern Betreuung braucht. Wirklich? Lily ist kein Kind oder Teenager mehr, sondern um die 20. Sie hat eine überbordende Fantasie und einen ausgeprägten Freiheitsdrang, dem sie in dem Haus mitten in der Natur uneingeschränkt nachgehen kann. Und sie sagt, was sie denkt, ist bis zur Beleidigung direkt und ehrlich. Da hört das Wohlwollen mancher Verwandten und Nachbarn dann doch auf. Und auch die eigene Schwester Clara (Diane Kruger) ist manchmal am Ende ihrer Geduld. Nach ein paar „Vorfällen“ mit Lily und einem misslungenen Versuch, sie bei Clara und ihrem Mann in Paris aufzunehmen, wohnen die Schwestern nun gemeinsam im Haus ihrer Kindheit auf dem Land. Die Anwaltsgehilfin Clara genießt das Planschen im Waldbach, das Albern in der Badewanne und das Toben über die Wiesen. Aber das ist alles nur wie Urlaub von ihrem richtigen Leben, denn sie arbeitet in der Kanzlei ihres Mannes und der befindet: „Schwester hin oder her - sie ist nicht ganz dicht“.
Der Film von Fabienne Berthaud funktioniert deswegen so ausgezeichnet, weil er so konsequent ist. Die geschilderten Konflikte werden nicht gelöst, Lily ist einfach nicht anpassungswillig. Sie macht, was sie will, und sie durchschaut die bürgerliche Fassade ihrer großen Schwester sehr genau („wenn das so weiter geht, wirst du als trockenes Brot enden“). Den beiden fantastischen Schauspielerinnen nimmt man die Geschichte ab, die eher wie ein Märchen ist: Clara entdeckt den inneren Hippie in sich und es gelingt ihr, die Anwaltsgehilfin weit hinter sich zu lassen. Natürlich ist das nicht „realistisch“. Es wird auch nie ganz klar, was an Lily eigentlich nicht stimmt. Es geht einfach darum, eine Person ohne Einschränkung sein zu lassen, wie sie ist. Dadurch ist der Film so wie Lily selbst: sinnlich, lebendig, ungeniert, manchmal etwas nervig und insgesamt wirklich zauberhaft.
Petra Wille