Das bessere Leben

Drama, Frankreich/Polen/Deutschland 2011, 94 min

Juliette Binoche spielt die erfolgreiche Journalistin Anna, die im Auftrag eines großen Pariser Magazins an einer Reportage über käufliche Liebe arbeitet, speziell über junge Frauen in Paris, die damit ihr Studium finanzieren. Bei ihren Recherchen lernt sie zwei recht verschiedene Mädchen kennen. Zum einen Charlotte (Anaïs Demoustier), aus der französischen Provinz in die Großstadt gezogen, und Alicja (Joanna Kulig), eine Polin, die gezwungenermaßen in die Prostitution gerutscht, ohne Reue und mit Lust ihre neue Lebenssituation erlebt. Statt Elend und Verzweiflung erlebt Anna zwei glänzende Studentinnen, für die Klassenkampf und sozialer Ausgleich nicht aus politischen Diskursen, Fördermaßnahmen und kollektiven Interessen, sondern aus dem Tausch von Sex gegen Bargeld besteht. Für Anna in ihrer nach außen hin glänzenden bürgerlichen Existenz führt das Erleben der ungeschminkten und jeder falschen Romantik entzauberten Lebensentwürfe der jungen Frauen zu Zweifeln über das satte, verwöhnte, abgesicherte Voll-Kasko-Leben ihrer Familie.
Der Film fokussiert auf die angespannte Situation kurz vor Redaktionsschluss, die Kamera folgt Anna bei ihren familiären Aufgaben und dem konträren Alltag der beiden Mädchen. Ohne moralische Zeigefinger zeigt Malgoska Szumowska die scheinbar so widersprüchlichen Lebenssituationen in langen Einstellungen auf und wirft ein schlaglichtartiges Licht auf die ungewöhnlichen Momente im „Broterwerb“ der beiden Mädchen.
Auf der einen Seite gepflegte aber langweilige Bürgerlichkeit, auf der anderen Seite lebendiges, lustbetontes Chaos. Es bleibt dem Zuschauer überlassen, diese wie eine künstliche Versuchsanordnung wirkende Exposition an seiner Lebenswirklichkeit zu messen oder zu bewerten. Juliette Binoche spielt ihre Rolle gewohnt überragend, in einem wunderbar fotografierten und auch sehr sinnlichen Film.
Regisseurin Malgorzata Szumowska: „Wir wollten studentische Prostitution so thematisieren, dass weibliche Perspektiven ausgetauscht werden. Die Klienten der Mädchen sind oftmals die Ehemänner anderer Frauen. Die Recherche der Journalistin wird den Blick auf ihre Bedürfnisse völlig verändern. Wir wollten die Bedürfnisse auf beiden Seiten erkunden, ohne sie zu bewerten.“