8. Februar 2024

Wie lebt ihr?

Eine Kolumne und Kritik zu »Der Junge und der Reiher«
Wie lebt ihr?

Disclaimer: Nicht ganz spoilerfrei! 

„Der letzte Miyazaki" hieß es, als man noch gar nichts darüber wusste, was das nächste Meisterwerk aus dem Hause Ghibli sein sollte. Natürlich ist es nicht der letzte Miyazaki, denn der Herr kann es einfach nicht lassen, weiterhin tolle Animationsfilme zu machen. 

Ich habe mir  »Der Junge und der Reiher« am Silvestertag 2023 mit meinen Kolleg:innen aus dem Kino im Kasten angeschaut. Natürlich zuerst einmal in der deutschen Synchronisation, obwohl in der Englischen Version Stars wie Florence Pugh, Robert Pattinson, Willem Dafoe, Christian Bale, Mark Hamil, Dave Bautista und Gemma Chan mitsprechen. Aber Ghibli-Filme muss man fühlen. Sei es also in Japanisch mit Untertitel (damit die Bilder und die Musik so richtig reinhauen - probiert das mal bei Prinzessin Mononoke!) oder eben in der eigenen Landessprache. Außerdem ist ein Besuch eines Ghibli-Filmes auf der großen Leinwand fast schon ein Muss - schließlich sind die Hintergründe alle handgemalt! Und für mich als Künstlerin ist es ein Festmahl die Bilder so groß zu sehen. Nicht selten dachte ich während dem Schauen: Oh mein Gott, das ist wunderschön!

 

Gerade bei »Der Junge und der Reiher« haut der Anfang richtig rein. Die Kriegsszene, mit dem Feuer, den schreienden Menschen, die verlaufenden Bilder hinter Mahito, als würde noch flüssige Aquarellfarbe über die Leinwand fließen, wie die Emotionen, die Mahito da fühlt.

Und natürlich starten wir mit dem Krieg. Direkt bekommt man „Die Letzten Glühwürmen“-Flashbacks und ich bin drauf und dran mir direkt ein Taschentuch zu nehmen, denn wir wissen ja wie das endet. Und natürlich wird es nicht fröhlich, aber die meisten guten Stories starten mit Heartbreak. Am Ende soll man ja was lernen, man soll einen Einblick in die eigene Psyche bekommen, vielleicht festgesetzte Gefühle loslassen und einen neuen Blick auf Situationen finden.

 

»Der Junge und der Reiher« ist eine Geschichte über Trauer und Schmerz. Wie soll ein kleiner Junge damit klarkommen, dass seine Mutter stirbt und direkt durch ihre kleine Schwester ersetzt wird? 

Es wäre allerdings auch kein Ghiblifilm, wenn wir nicht in eine Fantasiewelt übersiedeln würden. So folgt Mahito dem Reiher, der kurioserweise Zähne hat und ihn einfach nicht in Ruhe lässt, nachdem seine Stiefmutter verschwunden ist. Der Turm auf dem großen Anwesen, zu dem er gebracht wird, weil sein Vater die jüngere Schwester seiner Mutter geheiratet hat, ist ein Wunderwerk, der Ur-Großonkel hat ihn gebaut, er ist halb eingestürzt, aber ein Fest für’s Auge eines jeden Dark Academia Fans (also für mich). 

Der Turm ist eigentlich nur eine Tür. Eine Tür zu anderen Welten, ohne Zeit und Raum. Und in eine dieser Welten fällt Mahito, weil die Stiefmutter irgendwo sein muss. An seiner Seite der Reiher, der eigentlich verzaubert ist und gefühlt ein kleiner Danny DeVito im Vogelkostüm darstellt (Vögel kommen hier sowieso vermehrt vor - also Achtung!). Was folgt sind Anlehnungen an frühere Werke Miyazakis: Porco Rosso, Ponyo, Chihiro, Mononoke. All die kleinen Details, die man erkennt, wenn man die Filmografie kennt. Es wirkt, als hätte der Meister der Animation nochmal sein Arsenal ausgepackt, um auf Wiedersehen zu sagen.


Vielleicht ist es auch eine Message an seinen Sohn, will Miyazaki dass er das Ghibli Imperium übernimmt? Wie der alte Zauberer/Erfinder/Großonkel in der zeitlosen Welt, der einen Nachfolger sucht, um die Welt im Gleichgewicht zu halten? Der Gutes und Schlechtes zulässt, damit Balance herrscht? Wenn Mahito dann aber lernt, sowohl nein zu sagen, als auch seiner Stiefmutter zu verzeihen, seine Trauer zuzulassen, zu akzeptieren, dass seine Mutter starb. Wenn seine eigene Mutter, als Kind vor ihm stehend, ihm sagt, es ist ok zu vergessen, okay loszulassen. Jeder vergisst. 

Auch wenn dies nicht Miyazakis letzter Film ist, es wirkt wie ein Abschiedsbrief. Wie ein Best Of. Beim Schreiben dieses Textes hörte ich den Soundtrack des Films und konnte mich direkt wieder in die magische Welt von »Der Junge und der Reiher« hineinversetzen. Ghibli-Filme sind dazu da uns Emotionen zu geben. Wir müssen sie nur zulassen.


Der Originaltitel des Films im Japanischen ist „Kimitachi wa Dō Ikiru ka“ - Wie lebt ihr? Eine Frage an die Zuschauenden. Eine Frage, die zum Nachdenken anregt. »Der Junge und der Reiher« fühlt noch lange nach. Vor allem wenn man selbst schon mit dem zu frühen Tod eines Elternteils klarkommen musste. Jeder vergisst, das ist okay, das Weiterleben ist wichtig.

Anne

http://www.wildbunch-germany.de/movie/der-junge-un...