28. Juni 2022

Ein großartiger Film. Echt jetzt!

Zwei Kritiker sind mehr mit den menschlichen Komplikationen beschäftigt – »Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush«, Kritik, Pro & Contra
Ein großartiger Film. Echt jetzt!

Während sich auf der Leinwand eine Hausfrau und der US-Präsident gegenüberstehen, sind in der Redaktion des Kinokalenders Dresden zwei Kritiker mehr mit den menschlichen Komplikationen beschäftigt. Ihr Thema: der neue Dresen-Film, seine Protagonisten, fernab politischer Erörterungen und juristischer Feinheiten.

Pro:

Je aussichtsloser die Situation, um so berührender die Geschichte. Der Plot ist mit zwei Sätzen umrissen: Eine Frau kämpft ihren Sohn aus Guantanamo frei. Darüber vergehen fünf Jahre. (Wie die Tage dahin rasseln zeigt im Film ein Zähler, der bei jeder neuen Szene eingeblendet wird.) 

Eine türkischstämmige Bremer Familie, fünf Menschen, der Vater knufft im Dreischichtbetrieb bei Mercedes, die resolute Mutter kümmert sich um die drei Söhne und hat eine Vorliebe für schnelle Autos. Rabyes Ältester, der 19-jährige Murat, verschwindet quasi über Nacht nach Pakistan. Eine Zeit des Forschen und Wartens beginnt, dann erhält die Familie Nachricht: Murat ist im Gefangenenlager der Guantanamo Bay Naval Base interniert. Obschon ohne rechte Ahnung, womit sie es zu tun hat, gelingt es Rabye mit viel Verve, den Menschenrechtsanwalt Bernhard Focke für ihren Sohn zu gewinnen. Es folgt ein Marathon durch zahllose Instanzen, folgen zahllose Situationen, in denen sich die türkische Mutter hilflos, unterlegen, chancenlos und benachteiligt fühlt. Und dennoch mit großem Optimismus weitermacht. Weil sie ein grundsätzlich heiterer Mensch ist, mit unbändigem Humor und Lebensfreude ausgestattet. Und weil ihr Anwalt mit bedingungsloser Hingabe von dem Grundsatz ausgeht, dass Murat Kurnaz wie jeder Mensch Gerechtigkeit verdient. Sie ziehen von Gericht zu Gericht, von Bremen bis nach Washington DC. Der Preis dafür ist ein extremer Kraftaufwand. Nur ganz kurz zeigt Regisseur Andreas Dresen Momente, in denen die Familie zu bröckeln beginnt, dem Anwalt keine Strategien mehr einzufallen drohen, Psyche und Physis schlapp machen und Rabye einfach nicht mehr kann. Aber der sonst so stark vom Realismus ausgehende Dresen duldet in diesem Film keine Hoffnungslosigkeit und scheut den Blick auf den zermürbenden Familienalltag unter Terrorismusverdacht, die Anfeindungen der Öffentlichkeit und den bürokratischen Sand im Justizgetriebe. Er spart all das aus, weil er Mut machen will. Zu mehr Menschlichkeit, zur Selbstermächtigung, zum Durchhalten. Die Kleinen siegen gar nicht so selten. Dies ist wohl das Credo Dresens und seiner Drehbuchautorin, der wunderbaren Laila Stieler.

»Rabye gegen George W. Bush« wartet trotz des brisanten Themas und des sperrigen Titels mit einer Fülle an hochkomödiantischen Buddy-Movie- und Culture-Clash-Momenten auf. Meltem Kaptans ist als Rabye einfach unwiderstehlich, ihre großzügige verausgabende Spielweise kontrastiert reizvoll mit Alexander Scheers zauberhaft trockener Bürohengstigkeit. Und auf den Gerichtsgebäudetreppen darf Charly Hübner als Staatsanwalt geheimnisvoll ein paar Insiderbrocken  ausplaudern. 

Ein großartiger Film. Echt jetzt!

Grit Dora

 

Semi-Pro: 

That’s Karma, Baby! Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat vor einigen Wochen sehr deutlich zu spüren bekommen, dass Handlungen stets Konsequenzen nach sich ziehen: Das freche, überraschende und politisch „unerhörte“ Ausladen unseres Staatsoberhaupts von einem geplanten Ukraine-Besuch hat u.a. dazu geführt, dass der SPD-Mann sein Agieren gegenüber Russland als Außenminister (2005 – 2009 und 2013 – 2017) inzwischen kritisch bewertet. Die Familie um den gebürtigen Bremer Murat Kurnaz dürfte das aufmerksam verfolgt haben, wartet sie nun doch schon seit 15 Jahren auf eine Entschuldigung für das, was ihr damals – zumindest mit Duldung der deutschen Regierung – angetan wurde.

Eigentlich kaum vorstellbar: Als 19jähriger wurde Murat im Dezember 2001 in Pakistan verhaftet, an US-Behörden für 3000 Dollar „verkauft“ und daraufhin ohne Prozess, ohne Begründung und ohne Rechtsbeistand im berüchtigten Gefangenenlager Guantanamo inhaftiert und gefoltert. Als selbst den Amis klar wird: „Der nützt uns nix!“ gibt’s jedoch eine Absage seitens Deutschlands, Kurnaz zurückzuholen (die Begründung ist so absurd, dass sie für alle Nichtwissenden hier noch nicht gespoilert werden soll). Erst fünf Jahre später ist der junge Mann – auch dank der Hartnäckigkeit seiner Mutter Rabiye, der Andreas Dresen nun einen Film gewidmet hat – wieder Zuhause.

Bedrückend, traurig, tränenreich: All das ist „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ nicht. Stattdessen haben Dresen und seine Drehbuchautorin Laila Stieler, mit der er u.a. bereits für »Willenbrock« und »Gundermann« zusammenarbeitete, einen regelrechten Empowerment-Streifen kreiert, der bei aller Tragik Mut, Hoffnung und Optimismus wie einen Konfettiregen aufs Publikum niederfliegen lässt, dass es eine wahre Freude ist. Das muss mensch erstmal hinkriegen bei solch einer finsteren Story-Grundlage!

Wie ihnen das gelingt? Einerseits mit Dresens bewährtem semi-dokumentarischen Stil: (Hand-)Kamera ganz nah dran am Geschehen, ein bisschen Improvisation hier, ein paar Laienschauspieler dort, und alltägliche Szenen aus dem Hausfrauenleben von Mama Kurnaz im Bremer Reihenhäuschen. Andererseits dank seiner zu Recht mit dem Silbernen Berlinale-Bären ausgezeichneten Hauptdarstellerin Meltem Kaptan, die als Rabiye einen ebenso rasanten Fahrstil wie ein lautes Mundwerk besitzt und gefühlt jede Szene mit Sonnenschein flutet. Die Grenzen zwischen Figur und Künstler verschwimmen dabei bei Kaptan ebenso wie bei ihrem Mitspieler Alexander Scheer alias Anwalt Docke. Kurzes Memo an Jared Leto, Christian Bale und Konsorten: So geht „in eine Rolle“ schlüpfen. Kilos anfressen und/oder runterhungern mag zwar für einen Oscar reichen, der Schauspieler Scheer hingegen verschwindet komplett hinter seiner Figur. Irre!

Wenn es etwas zu bemängeln gäbe, dann vielleicht lediglich dieses: Bis auf den leicht zu überhörenden Nebensatz „Weil wir Türken sind!“, den einer von Rabiyes anderen Söhnen am Essenstisch im Frust über die Gesamtsituation kundtut, spart der Film jegliche zwischenmenschlichen Konflikte, die es mit großer Sicherheit zwischen Familie Kurnaz und ihrem Umfeld gab, komplett aus. Es ist – zumindest für mich – schwer vorstellbar, dass es nicht auch von Nachbarn oder Mitschülern den einen oder anderen dummen Spruch gegeben hat, nachdem öffentlich bekannt wurde, wessen Mutter Rabiye ist. Andererseits: Diese Leerstelle haben Dresen und Stieler sicherlich bewusst gewählt, um den Fokus ausschließlich auf Rabiyes bewundernswerten Kampf zu belassen.

Zwar kann ein Film nie eine offizielle Entschuldigung ersetzen. Da es aber so ein schöner ist, kann er zumindest das Warten darauf mit einem Lächeln verkürzen.

Csaba Lázár

 

www.youtube.com/watch?v=gEXuWV3tjf4