7. Juni 2013

Pro und Contra »Dead Man Down«

Jetzt wird’s ernst: Der dänische »Verblendung«-Regisseur legt seinen ersten Hollywood-Streifen vor.
Pro und Contra »Dead Man Down«
Gelungen oder misslungen? Die Kinokalender-Redaktion ist sich uneins.

(semi)Pro:

Vielleicht ist es immer ganz gut, wenn ein Filmemacher vor seinem großen Durchbruch bereits ein wenig Erfahrung im Business gesammelt hat. Der Däne Niels Arden Oplev war kein Frischling, als er 2009 »Verblendung«, den ersten Teil von Stieg Larssons „Millennium-Trilogie“, für das heimische TV verfilmte. Allerdings hat wohl auch er nicht mit dem immensen positiven Echo gerechnet, das seine fabelhafte Adaption weltweit hervorrief. Und es will schon was heißen, wenn man trotz eines Remakes von David »Fight Club« Fincher immer noch für seine Vorlage gelobt wird. Der Mann hat Talent, viel Talent. Und weil es nur einen Filmhimmel auf dieser Welt geben darf, hat Hollywood sogleich die Köder in seine Richtung ausgeworfen. Oplev biss an – kein Vorwurf! – und durfte für seinen amerikanischen Erstling sogar seine »Verblendung«-Hauptdarstellerin Noomi Rapace mitbringen. Kein schlechter Deal, zumal die Dame ohnehin gerade von vielen umworben wird.

Der Beginn ist schon mal ordentlich (laut), wenn auch typisch "hollywoodesk" anbiedernd: Grimmig dreinblickende Männer bellen sich an, knallen sich gegenseitig ab und die passende Dubstep-Mucke hebt mit einem fetten Bass die Kinosaaldecke an. Ein Fuchs, dieser Oplev, denn einen Actionfilm bekommt sein Publikum danach nicht zu sehen. Stattdessen folgt er einem der Gangster, dem einsamen Victor (Colin Farrell), und beobachtet ihn, wie er zarte Bande knüpft mit der Nachbarin vom Balkon gegenüber. Beatrice (Rapace) bittet ihn zum Date, nur um ihm dann ihr wahres Anliegen zu verraten: Sie weiß um Victors "Fähigkeiten" und fordert einen Mord, sonst werde sie ihn an die Polizei verpfeifen. Das Opfer: jener Mann, der ihr einst das Gesicht entstellte.

Aha, eine Rachegeschichte also. Aber eine mit doppeltem Boden, denn auch Victor hat eine Vergangenheit, die noch immer ihre Schatten auf sein Handeln wirft – und dem Film ob dieser unerwarteten, erst später enthüllten Wendung schon mal ein dickes Bienchen fürs Muttiheft beschert. Denn hier liegt Oplevs eigentliche Erzählung: das Schicksal zweier Menschen, denen Ähnliches widerfahren ist und die dank ihrer Taten auf Erlösung hoffen. Farrell und Rapace spielen das zurückhaltend und lassen ihre Figuren gleich einer Raubkatze langsam ihre Umwelt und ihr Gegenüber ertasten. Dass beide äußerst ansehnlich sind, hilft natürlich beim Zuschauen, zumal selbst eine ‚entstellte‘ Rapace mit ihrer Aura immer noch atemberaubend daher kommt. »Dead Man Down« präsentiert gerade in der ersten Hälfte toll gefilmte und intensive Schauspielszenen, die Dialoge beinahe überflüssig machen.

Zumindest hätte ich es mir gewünscht. Denn sobald Beatrice und Victor ihre Konversation der wortlosen Blicke mit gesprochenen Wörtern ersetzen, fühle auch ich mich wie ein fallender, toter Mann. Herrje, hat das die Synchro verbockt oder warum sprechen hier alle so brav ihre Zeilen nach dem „Dialoge für Dummies“-Prinzip? Unecht, gestelzt, theatralisch, ärgerlich: Selten hat ein Film bei Dialogszenen so schnell an Atmosphäre und Glaubhaftigkeit verloren, wie »Dead Man Down«. Hmpf!

Apropos Glaubhaftigkeit: Die lässt der Film leider auch beim abermals viel zu lauten Finale vermissen, das so gar nicht zum an sich ruhigen Verlauf des ansonsten sehenswerten Thrillers passen will. Zwar riecht es nicht nach Napalm (obwohl die Leinwand am Ende danach aussieht), aber nach einem Sieg der bekannten Traumfabrikgesetze: Wenn der Worte genug gewechselt sind, müssen eben Waffen um so deutlicher sprechen. So wird’s am Ende doch wieder ein Actionfilm. War doch gar nicht nötig, ich hätte den Film auch so gemocht – ohne Tamtam. Und Dialoge.
Csaba Lázár

(semi)Contra:
Man kann sich gut die Begeisterung der Schauspieler vorstellen, als der Regisseur sein ambitioniertes Projekt vorgestellt hat und nach Besichtigung des Filmes auch die langen Gesichter der Beteiligten bei der Premiere. Niels Arden Oplev, Regisseur der »Millenium«-Trilogie, ist an seiner ersten Hollywood-Produktion grandios gescheitert. »Dead Man Down« ist kein wirklich guter Film, bietet aber eine Fülle toller Szenen und Bilder. Oplev stellt mit dem Blick des Europäers den Molochfaktor New Yorks in den Vordergrund. Die überdimensionierten Proportionen der Stadt illustrieren bei ihm die Überforderungen der Menschen, die darin leben. Es geht um lädierte Leute, um die Frage, wie man nach persönlichen Tragödien weiterlebt. Colin Farrells Victor hat Frau und Kind verloren, er kennt die Schuldigen, sein zweiter Name ist Rache. Mit der manischen Energie eines Serienkillers hetzt er die Bösen. Eine Frau hat ihn beim Töten beobachtet und setzt den guten Killer unter Druck.

Noomi Rapaces Beatrice ist durch einen Autounfall gezeichnet, in Victor sieht sie ihre Chance, zur Ruhe zu kommen. Er soll den Fahrer töten, der für ihre Leiden verantwortlich ist. Vergeltungs- und Rachsucht treiben die Figuren an. Freund Selbstzweifel ist immer dabei, denn was änderte sich für sie, wenn die Schuldigen sterben? Rapace und Farrell sind ein wunderbares Team, sie wirken, als spielten sie um ihr Leben. Leider sind sie komplett von Klischeefiguren umstellt, die unter- oder übertreiben. Das belegen etwa die völlig unnötigen Sequenzen mit der schwerhörigen, Cookies backenden Isabelle Huppert als Beatrices Mutter. Die große Französin ist in diesem Film ein schwerer Fall von Overacting. Der Regisseur hat beim Nachweis seiner Hollywood-Tauglichkeit übertrieben, aber auf sehr sympathische Weise. Nach einem ungewöhnlich langen Vorspann, der die Zuschauer zunächst geschickt ins Leere laufen lässt, entfaltet Oplev in der ersten halben Stunde die Geschichte von und zwischen den beiden verlorenen Seelen. Er zitiert auf sehr subtile Weise Hitchcocks »Fenster zum Hof«. Dann kippt der Film umstandslos in klasse inszenierte Action.

Die Wucht der Bilder lässt über weite Strecken vergessen, dass der psychologische Anspruch dabei draufgeht. Colin Farrell sieht einfach super aus, wenn er durch heruntergekommene Lagerhallen am Hudson River schleicht. Er geht mit seinen schauspielerischen Mitteln äußerst ökonomisch um und macht alles mit den Augenbrauen - mal hoch, mal runter, mal schräg. Er kann total toll aus brennenden Fahrstühlen springen, sich auf den Boden werfen und echt überzeugend mit Waffen umgehen. „Shine On You Crazy Diamond“ trällert Kendra Morris für »Dead Man Down«. Die leider nur beim Trailer verwendete Pink Floyd-Coverversion ist der perfekte Sound zum Film. Der eigentliche Soundtrack liefert nur die übliche emotionale Bildverstärkung. Also auch hier des Guten zu viel. Macht aber alles nichts. Besser auf hohem Niveau gescheitert, als schlecht gewonnen.
Grit Dora