8. November 2011

Die Erde ist schlecht - Pro und Contra »Melancholia«

Lars von Trier besitzt ein ganz besonderes Talent: Er spaltet seine Zuschauerschaft
Die Erde ist schlecht - Pro und Contra »Melancholia«
immer wieder in Freund und Feind. So auch in der Redaktion des Kinokalender Dresden, die über »Melancholia« geteilter Meinung ist.

Pro:
Ist er nun genial, verrückt, mutig oder einfach nur untragbar? Fakt ist: Lars von Trier ist im übertragenen Sinn ein Mann mit (mindestens) zwei Gesichtern. Seinen Fähigkeiten als Regisseur steht ein nicht immer nachvollziehbares Verhalten als ein Filmemacher gegenüber, der eigentlich nur sein Werk der Öffentlichkeit präsentieren will – sich dabei aber stets um Kopf und Kragen redet. Nicht erst seit seinem verbalen Ausrutscher während der diesjährigen Filmfestspiele von Cannes, die in seinem Ausschluss mündeten, genießt von Trier den Ruf eines „enfant terribles“. Man erinnere sich an seine (ironische?) Aussage während der Antichrist-Premiere, der „beste Regisseur der Welt“ zu sein. Dummerweise verstand diesen Witz kaum einer.

Eindeutiger ist er da schon mit dem, was er auf die Leinwand projiziert. In »Melancholia« gibt Kirsten Dunst in beeindruckender Weise die junge Justine, die im Kreise ihrer Familie ihren Hochzeitstag begeht. Von ihrer Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg) nach besten Kräften unterstützt, versucht Justine, ihre depressiven Phasen zumindest für einen Abend zu unterdrücken und das Fest zu genießen. Allerdings gelingt ihr das im Laufe der Feierlichkeiten immer weniger. Einzig das Herannahen eines Planeten namens „Melancholia“ kann Justine entspannen, verheißt sein Aufprall auf die Erde doch das Ende allen Lebens.

Ein Weltuntergang ohne Alien-Invasion, zerstörte Städte und militärischen Ausnahmezustand? So etwas würde sich außer von Trier wahrscheinlich kein anderer wagen. Nein, von Trier reduziert die Katastrophe auf einen familiären Mikrokosmos, der auch ohne drohende Apokalypse auseinander zu brechen droht: Bühne frei für einen Weltuntergang à la von Trier.

Verteilt auf zwei Akte, nimmt der Film zunächst die Sichtweise der offenbar depressiven Protagonistin Justine ein, zeigt ihren Unwillen zu ‚angemessenem‘ sozialen Verhalten und lässt kaum ein gutes Haar an den Gästen der Hochzeit: Egoismus, Überheblichkeit, Ungeduld oder fehlende Empathie zeichnen bis auf ihre Schwester Claire und deren Sohn alle Anwesenden aus. Ergo: Ob ihres Charakters kann ihnen eigentlich nichts Besseres widerfahren als ein Weltuntergang.
Hier ist Misanthrop von Trier ganz in seinem Element, darf er mal sarkastisch, mal spöttisch auf all die niederspucken, die ihm zuwider sind.
Besonders fies: Mit zunehmender Laufzeit verabschiedet sich von Trier von sämtlichen Männerfiguren, bis nur noch Justine, Claire und ein Kind übrig bleiben. Dass er dabei ausgerechnet Amerikas Überhelden Kiefer Sutherland alias Jack Bauer (24) einen feigen Suizid andichtet, gibt der ganzen Szenerie eine zusätzliche feine Ironie.

Es folgt Akt Nummer zwei, diesmal aus der Sicht von Claire. Sie entspricht noch am ehesten einem halbwegs rational handelnden Menschen, agiert wie eine verzweifelte Mutter in solch einer Situation eben agieren würde – und scheitert. Von Trier macht sich einen Spaß daraus, ihr ein ums andere Mal die Hoffnung auf Rettung zu verwehren. Aber so ist das bei einem Weltuntergang à la von Trier: entkommen unmöglich, für Akteure und Zuschauer.

»Melancholia« trägt nach Aussage des Regisseurs wie auch Antichrist biographische Züge, was angesichts der Düsternis des Themas, aber auch der visuellen Schönheit – unübersehbar stark inspiriert von der Epoche der Romantik – erschreckend und gleichsam verzaubernd wirkt. Wer ein Ticket für einen Lars von Trier-Film löst, sollte sich daher bewusst sein, dass es sich hier um einen Künstler handelt, der das Medium Film weniger der Unterhaltung willen nutzt, sondern vielmehr zur Konfrontation mit dem eigenen Weltbild, den eigenen Dämonen, der eigenen Psyche. So etwas passt in keine (Drehbuch-)Formel und ist auch nur schwer in Worte zu fassen – das hat von Trier in Cannes selbst bewiesen. Kino also, das im besten Sinne unbeschreiblich ist. Ein seltenes Gut, und genau deshalb sehenswert.
Csaba Lázár

Contra:
"Die Erde ist schlecht. Wir müssen nicht um sie trauern.“ Harte aber wahre Worte eines ganz großen Regisseurs. Was kann man da schon sagen? Lars von Trier bewegt die Weltmedien und liefert einen hochgelobten Film. Also alles gut. Nicht ganz.
Keine Frage, die großartige Idee mit dem Planeten und das ebenso fantastische Ende sind einzigartig und lohnen allein schon den Film. Vieles andere dagegen wirkt durchschnittlich. Vermutlich erreicht Trier nur dank seiner beeindruckend agierenden Schauspieler die Intensität des Filmes. Ein wenig wirkt es, als ob Trier mit der tollen Idee und seinen großartigen Schauspielern ein Feld abgesteckt hat, dass es nur halbherzig gelang, zu bestellen.

Der Film wirft einige Fragen auf. Muss der Zuschauer über zwei Stunden mit teils banalen, alltäglichen Problemen gelangweilt werden? Gehört die wacklige Handkamera zwingend dazu? Warum kann der Spannungsbogen erzähltechnisch nicht über die gesamte Dauer gehalten werden?
Neben vielen aufgesetzt wirkenden Szenen gerade im Mittelteil bleiben andere haften. So etwa die leicht kitschig wirkende, oder ist sie es gar schon, Szene, in der sich Justine Nachts in Erwartung des Planeten in dessen reflektiertes Sonnenlicht legt. Ist die Komposition eine ironische Referenz an die deutsche Romantik oder zufälliger Bezug auf schlechte UFA-Filme?

Trier bleibt Provokateur und Erneuerer des Films, das muss man ihm, ohne Zweifel, zugestehen, der Film weit über dem Niveau vieler, zu vieler Arthous- bzw. Independentfilme. Auch wenn es ein wenig an die Geschichte von des Kaisers neue Kleider erinnert. Mersaw

http://www.melancholia-derfilm.de