2. Dezember 2011
Neulich in Turmhausen

Die Geschichte vom Uwe Tellkamp Double geht so: Als wir vor zwei Jahren auf den Weißen Hirsch zogen, fragte der Spediteur unseres Vertrauens sogleich, ob wir, ihr wisst schon, den „Turm“ gelesen hätten? Wir hatten nicht, wir hatten den letzten Schuss nicht gehört, nur irgendwie und nebenbei von einem schreibenden Arzt aus dem Osten, der irgendwann den Bachmann-Preis abgeräumt hatte. Der Spediteur teilte uns noch mit, dass er selbst auf dem Hirsch aufgewachsen sei und kein Jugendlicher habe sich damals so für Jugendstilfenster interessiert, wie der Autor Tellkamp das in seinem Buch behaupte. Es schien ihm wirklich nahe zu gehen. Nach einer kurzen Belehrung, von wo bis wohin der Weiße Hirsch wirklich geht, verschwand der Spediteur.
Damit fing es an. Plötzlich fiel uns auf, dass alle über den „Turm“ sprachen. Wer sich nicht mit stilistischen Mäkeleien aufhielt, von wegen zu viele Adjektive und so, biss sich spätestens an der Frage fest, ob es denn wirklich so gewesen sei in der DDR. Darum schien es bei der Lektüre dieses Buches unbedingt zu gehen. Die Frage nach der Wirklichkeit. „Der Turm“ - ein Thema mit hohem Erregungspotenzial und überhaupt Tagesthema Nr. 1. „Wir sind auf den Weißen Hirsch gezogen, da wo, ihr wisst schon, dieses Buch spielt.“ meldete ich auf Anfragen von außerhalb. Das machte Eindruck, da wusste jeder gleich, wo das ist, wobei niemand von sich behauptete, den Roman von vorn bis hinten gelesen zu haben. Das war die nächste wichtige Frage in diesem Zusammenhang: „Hast Du ihn wirklich gelesen?“ Ich hatte noch immer nicht, aber unglaublich viel Zeugs gehört, die Adjektive eben und ob es wirklich so war damals und jetzt war der sportliche Ehrgeiz geweckt. Außerdem gab es ihn inzwischen auch in der Stadtbibliothek. Wirklich wahr, ich las mich komplett da durch, na gut, Onkel Menos Briefe las ich diagonal, falls jemand weiß, was ich meine und ich las sogar den Klappentext. Ein paar Tage später sah ich das Uwe Tellkamp Double beim Bäcker. „Das ist lustig, hier oben wohnt einer, der sieht aus wie Uwe Tellkamp.“ sagte ich zu meinem Mann.
„Das ist Uwe Tellkamp“ sagte mein Mann, „ich hab ihn auch schon gesehen.“
„Blödsinn, du kannst gar nicht wissen, wie er aussieht. Du hast das Buch nicht gelesen. Er lebt in Freiburg, das steht im Klappentext.“ „Ich weiß, wie er aussieht, ich weiß bloß nicht, woher ich das weiß, vielleicht Fernsehen.“ gab mein Mann zurück. Es schien nicht wichtig. Nach diesem Disput sahen wir das Uwe Tellkamp Double im Biergarten, wir sahen es am Konsum und wieder beim Bäcker, es trug stets sein charakteristisches Tellkamp-Kostüm. Wir sahen es oft, es erschien uns bald wie ein guter Bekannter. Ich blieb dabei, dass dies nie und nimmer Tellkamp sein könne. „Aber er war heute mit einem Fernsehteam unterwegs, am Café Marisa,“ sagte mein Mann genervt, „er hat ein Interview gegeben! Und ich fühl mich langsam von ihm verfolgt“, setzte er hinzu. „Er lebt in Freiburg,“ rief ich „das steht im Klappentext!“ Dann fuhren wir mit der Bahn an die Ostsee. Es war ein schöner Urlaub.
„In Stralsund ist Uwe Tellkamp eingestiegen“, rief mein Mann auf der Rückfahrt gutgelaunt, als er mit dem Kind vom Klo kam. „Oder sein Double“, sagte ich leise. „ Und wenn es Tellkamp ist, dann fährt er ins Breisgau.“ Ich stand schon ziemlich mit dem Rücken zur Wand. „Also, wenn er in Berlin aussteigt, ist er es.“ „Wenn er in Dresden aussteigt, ist er es erst recht“, sagte mein Mann scharf. Dann hielt der Zug in Dresden Neustadt. Dann standen wir an der Straßenbahnhaltestelle. „Das kann nicht wahr sein“, schrie ich „wie kann man hier wohnen, wenn man das alles beschrieben hat, man kann doch nicht in seinem eigenen Buch leben, wie blöd ist das denn?“ „Vielleicht liebt er Dresden“, sprach mein Mann vorsichtig. Wir stiegen in die 11, Tellkamp saß nicht drin, wir hatten ihn am Bahnhof aus den Augen verloren, es war nicht mehr wichtig. Neulich joggte er unsere Straße hinunter, wir fuhren gerade zum Getränkehändler. Er trug ein eng anliegendes Hightech-Sportkostüm und war offenbar auf dem Weg nach Hause.
Grit Dora
Ende September haben die Dreharbeiten für die Verfilmung von Uwe Tellkamps preisgekröntem Roman »Der Turm« begonnen. Der Film wird voraussichtlich Ende 2012 als Zweiteiler in der ARD zu sehen sein und ist mit Jan Josef Liefers (Foto aus dem Tatort, links als Rechtsmediziner Prof. Karl-Friedrich Boerne und Axel Prahl als Kommissar Frank Thiel, beide spielten übrigens auch in »Der rote Baron«), Claudia Michelsen, Götz Schubert und anderen prominent besetzt. Regie führt Christian Schwochow. Drehorte sind neben Pirna im Schloss Cotta noch Berlin, Dresden, Görlitz, Bad Düben und das tschechische Pilsen.
Insgesamt beläuft sich das Budget für die geplanten 50 Drehtage auf 6,7 Millionen Euro. Die Mitteldeutsche Medienförderung fördert den Film mit 750.000 Euro.
Damit fing es an. Plötzlich fiel uns auf, dass alle über den „Turm“ sprachen. Wer sich nicht mit stilistischen Mäkeleien aufhielt, von wegen zu viele Adjektive und so, biss sich spätestens an der Frage fest, ob es denn wirklich so gewesen sei in der DDR. Darum schien es bei der Lektüre dieses Buches unbedingt zu gehen. Die Frage nach der Wirklichkeit. „Der Turm“ - ein Thema mit hohem Erregungspotenzial und überhaupt Tagesthema Nr. 1. „Wir sind auf den Weißen Hirsch gezogen, da wo, ihr wisst schon, dieses Buch spielt.“ meldete ich auf Anfragen von außerhalb. Das machte Eindruck, da wusste jeder gleich, wo das ist, wobei niemand von sich behauptete, den Roman von vorn bis hinten gelesen zu haben. Das war die nächste wichtige Frage in diesem Zusammenhang: „Hast Du ihn wirklich gelesen?“ Ich hatte noch immer nicht, aber unglaublich viel Zeugs gehört, die Adjektive eben und ob es wirklich so war damals und jetzt war der sportliche Ehrgeiz geweckt. Außerdem gab es ihn inzwischen auch in der Stadtbibliothek. Wirklich wahr, ich las mich komplett da durch, na gut, Onkel Menos Briefe las ich diagonal, falls jemand weiß, was ich meine und ich las sogar den Klappentext. Ein paar Tage später sah ich das Uwe Tellkamp Double beim Bäcker. „Das ist lustig, hier oben wohnt einer, der sieht aus wie Uwe Tellkamp.“ sagte ich zu meinem Mann.
„Das ist Uwe Tellkamp“ sagte mein Mann, „ich hab ihn auch schon gesehen.“
„Blödsinn, du kannst gar nicht wissen, wie er aussieht. Du hast das Buch nicht gelesen. Er lebt in Freiburg, das steht im Klappentext.“ „Ich weiß, wie er aussieht, ich weiß bloß nicht, woher ich das weiß, vielleicht Fernsehen.“ gab mein Mann zurück. Es schien nicht wichtig. Nach diesem Disput sahen wir das Uwe Tellkamp Double im Biergarten, wir sahen es am Konsum und wieder beim Bäcker, es trug stets sein charakteristisches Tellkamp-Kostüm. Wir sahen es oft, es erschien uns bald wie ein guter Bekannter. Ich blieb dabei, dass dies nie und nimmer Tellkamp sein könne. „Aber er war heute mit einem Fernsehteam unterwegs, am Café Marisa,“ sagte mein Mann genervt, „er hat ein Interview gegeben! Und ich fühl mich langsam von ihm verfolgt“, setzte er hinzu. „Er lebt in Freiburg,“ rief ich „das steht im Klappentext!“ Dann fuhren wir mit der Bahn an die Ostsee. Es war ein schöner Urlaub.
„In Stralsund ist Uwe Tellkamp eingestiegen“, rief mein Mann auf der Rückfahrt gutgelaunt, als er mit dem Kind vom Klo kam. „Oder sein Double“, sagte ich leise. „ Und wenn es Tellkamp ist, dann fährt er ins Breisgau.“ Ich stand schon ziemlich mit dem Rücken zur Wand. „Also, wenn er in Berlin aussteigt, ist er es.“ „Wenn er in Dresden aussteigt, ist er es erst recht“, sagte mein Mann scharf. Dann hielt der Zug in Dresden Neustadt. Dann standen wir an der Straßenbahnhaltestelle. „Das kann nicht wahr sein“, schrie ich „wie kann man hier wohnen, wenn man das alles beschrieben hat, man kann doch nicht in seinem eigenen Buch leben, wie blöd ist das denn?“ „Vielleicht liebt er Dresden“, sprach mein Mann vorsichtig. Wir stiegen in die 11, Tellkamp saß nicht drin, wir hatten ihn am Bahnhof aus den Augen verloren, es war nicht mehr wichtig. Neulich joggte er unsere Straße hinunter, wir fuhren gerade zum Getränkehändler. Er trug ein eng anliegendes Hightech-Sportkostüm und war offenbar auf dem Weg nach Hause.
Grit Dora
Ende September haben die Dreharbeiten für die Verfilmung von Uwe Tellkamps preisgekröntem Roman »Der Turm« begonnen. Der Film wird voraussichtlich Ende 2012 als Zweiteiler in der ARD zu sehen sein und ist mit Jan Josef Liefers (Foto aus dem Tatort, links als Rechtsmediziner Prof. Karl-Friedrich Boerne und Axel Prahl als Kommissar Frank Thiel, beide spielten übrigens auch in »Der rote Baron«), Claudia Michelsen, Götz Schubert und anderen prominent besetzt. Regie führt Christian Schwochow. Drehorte sind neben Pirna im Schloss Cotta noch Berlin, Dresden, Görlitz, Bad Düben und das tschechische Pilsen.
Insgesamt beläuft sich das Budget für die geplanten 50 Drehtage auf 6,7 Millionen Euro. Die Mitteldeutsche Medienförderung fördert den Film mit 750.000 Euro.
