29. August 2023

Intensive Beschäftigung mit der eigenen Geschichte

»Frauen in Landschaften« – Ein Interview mit Sabine Michel
Intensive Beschäftigung mit der eigenen Geschichte

Anlässlich der Premiere des Dokumentarfilms »Frauen in Landschaften« führten wir mit der Regisseurin Sabine Michel ein Interview. 

Der Film überzeugt durch seine sachliche Art und lässt die Frauen zu Wort kommen. Sabine Michel hat damit einen wichtigen Beitrag zur aktuellen Ostdebatte geschaffen. 

 

1. Wie entstand die Idee zum Film und wie fanden Sie die Protagonistinnen? Gab es so etwas wie einen Wunsch nach politischem Proporz oder hat sich das einfach ergeben?

Sabine Michel: Bei der Bundestagswahl 2017 waren gleich drei der Spitzenkandidaten ostdeutsche Frauen (neben Angela Merkel für die CDU auch Sahra Wagenknecht für die Linke und Katrin Göring-Eckardt für die Grünen). Damals habe ich mich gefragt: Was machen ostdeutsche Frauen in der Politik? Machen sie etwas anders? Wie zeigen sich hier ihre spezifisch ostdeutschen Prägungen? Nach intensiver Beschäftigung mit der eigenen Geschichte und der politischen Entwicklung in Sachsen sah ich eine Chance, in »Frauen in Landschaften« deutsch/ deutsche Geschichte seit 1989 aus einer weiblichen Perspektive zu erzählen.

 

2. Wie lässt sich die lange Produktionsdauer erklären? Welchen Einfluss hatte die Coronakrise, die ja teils noch in den Bildern widerhallt?

Sabine Michel: Künstlerische Dokumentarfilme brauchen Zeit. Zeit, um sich kennenzulernen und Vertrauen aufzubauen und Zeit, um zu beobachten. Dann zeigen sie Dinge, die man im Alltag nicht sieht, sie öffnen unbekannte Welten und können einem einen Spiegel vorhalten. Sie sind wichtig für die Reflektion einer Gesellschaft. Hinzu kam: Als wir anfangen wollten, zu drehen, war Lockdown. Politikerinnen am Handy und vor Zoom wollte ich nicht drehen. Trotzdem musste ich auch in der Zeit in Kontakt bleiben mit ihnen. Eine sehr anspruchsvolle Produktion.

 

3. Sehen Sie Ihren Film eher zufällig als einen Beitrag zur aktuell wieder entflammten Ostdebatte, oder war er bewusst auch so geplant? Was halten Sie von der sogenannten ostdeutschen Identität?

Sabine Michel: Meine Filme waren und sind immer auch Beitrag zu einem gesellschaftlichen Diskurs. Die ostdeutsche Perspektive war und ist unterrepräsentiert, das sieht man auch, wenn man sich anschaut, welche Kinos sich für diesen Film interessieren. Und die ostdeutsch weibliche Perspektive ist es erst recht. Es geht um differenzierte, komplexe Erzählung: von einem Aufwachsen in der DDR, dem sehr unterschiedlichen Erleben der Friedlichen Revolution und der Transformationszeit und dem Einfluss dieser Prägungen bis heute. Hinzukommt: Bei aller Unterrepräsentanz der Ostdeutschen in Entscheider-Positionen sind es die ostdeutschen Frauen, die überrepräsentiert sind. Warum ist das so - darüber schreibt kaum einer. »Frauen in Landschaften« bietet darüber hinaus äußerst seltene Einblicke in die Arbeit von Frauen im Bundestag, ganz aktuell.

 

4. Der Film lebt auch durch die ambitionierte und beeindruckende Kameraarbeit. War dies so beabsichtigt oder hat sich einiges durch die Arbeit mit Uwe Mann im Prozess ergeben?

Sabine Michel: Politiker und Politikerinnen sind oft in Zeitungen und im Fernsehen, es gibt eine wahrnehmbare Ermüdung von solchen Bildern. Uns war klar, dass wir anders erzählen müssen und wollen – visuell und inhaltlich. Die Vorbereitung darauf hat einige Zeit in Anspruch genommen. Der Kameramann Uwe Mann arbeitet in »Frauen in Landschaften« tableauhaft, die Betrachtenden haben so Zeit, in die Gesichter und Landschaften zu schauen, zu hören und Dinge wahrzunehmen, unabhängig vom gesprochenen Wort. Zusammen mit dem Schnitt und Einsatz der Filmmusik entsteht ein gesamtkünstlerischer Eindruck, der auch eine Haltung zu dem, was erzählt wird, zeigt. Ohne, dass er Wertungen vorgibt.

 

5. »Frauen in Landschaften« ist so herrlich, ich sag mal positiv gemeint, „altmodisch“, also er lässt sich Zeit, gibt seinen Heldinnen Raum, ist tolerant und ist frei von tagespolitischen Akzenten. Mit diesen Eigenschaften wird er es im heutigen Medienbetrieb nicht einfach haben. Gehen Sie bewusst solch ein Risiko ein?

Sabine Michel: Kunst ist dazu da, sich überraschen, berühren oder auch irritieren zu lassen und darüber diskursiv ins Gespräch zu kommen. Und sie sollte auch im künstlerischen Dokumentarfilm wertungsfrei sein. Das „Andere“ wieder mehr aushalten lernen, solange es verfassungsrechtlich ist, zuhören, ins Gespräch kommen - und sich dabei nicht gemein machen. Das geht. Wenn dieser Diskurs funktioniert, müssen bestimmte Dinge nicht auf dem Wahlzettel ausgetragen werden, davon bin ich überzeugt.

 

6. Abschließende Frage, gibt es neue Ideen und Projekte?

Sabine Michel: 2020 kam unser erster Gesprächsband „Die Anderen Leben – Generationengespräche Ost“ zusammen mit Dörte Grimm heraus. Hier haben wir aufbauend auf unsere Erfahrungen aus unseren Dokumentarfilmen Eltern und (erwachsene) Kinder zu bestimmten Themen in exemplarische Gespräche gebracht. Wir hatten viele Lesungen und Gespräche dazu, absolute Leseempfehlung. Anfang 2024 wird der zweite Band „Es ist einmal“ mit Gesprächen zwischen Großeltern und Enkeln herauskommen.



Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg mit Ihrem Film!

Das Gespräch führte Andrej Krabbe, © Kinokalender.com

https://jip-film.de/frauen-in-landschaften