Eine großartige Konstruktion und Bilder von großer Klarheit - »Vaterland«
82 Minuten. Mehr Zeit braucht Paweł Pawlikowski nicht, um das zerstörte Deutschland zu skizzieren. Als Trümmerlandschaft und weit mehr noch als Landschaft der Verdrängung. Der polnisch-britische Regisseur, der mit »Ida« und »Cold War« bereits zwei Filme in strengem Schwarz-Weiß gedreht hat, findet auch hier Bilder von großer Klarheit: kühl und eigentümlich ruhig. Nichts wirkt zufällig, aber auch nichts ausgestellt.
»Vaterland« beginnt mit einem Tod. August Diehl hat als Klaus Mann nur einen kurzen Auftritt, aber er gibt dem Film seinen Prolog und wird danach zum meist unsichtbaren Begleiter einer Reise. Thomas Mann (Hanns Zischler) und seine Tochter Erika (Sandra Hüller) brechen nach Deutschland auf. Zuerst geht es nach Frankfurt am Main, Goethes Geburtsort, wo Mann den Goethe-Preis entgegennimmt, dann nach Weimar, an Goethes Wirkungs- und Sterbeort. Dort bekommt der Nobelpreisträger den Goethe-Nationalpreis. Zwei Goethe-Städte, in zwei Besatzungszonen. Die zwei deutschen Staaten sind noch nicht gegründet, aber im Hintergrund ziehen sich schon die Fronten des kalten Krieges zusammen.
Die Nachricht von Klaus Manns Suizid erreicht Erika im Hotel. Sandra Hüller spielt sie mit spröder Selbstbeherrschung. Erst beim Telefonat mit ihrer Mutter verändert sich ihr Gesicht, zittert, verrutscht. Dennoch: Kein Ausbruch, keine ausgestellte Trauer. Als sie später am offenen Fenster kurz in die Nacht schreit, ist das ein schneller hilfloser Moment der Befreiung von der allgegenwärtigen Contenance der Manns.
Hüller spielt mit der ihr eigenen Ökonomie. Hanns Zischler hält dagegen: höflich, trocken, beinahe unbeweglich. Ein unbeschreibliches Zusammenspiel.
Historisch ist diese Reise eine Konstruktion des Regisseurs. Thomas Mann fuhr 1949 tatsächlich durch beide Teile Deutschlands, allerdings chauffiert von seiner Frau Katia. Klaus Mann war bereits kurz vor dieser Reise gestorben. Pawlikowski ersetzt Katia durch Erika und verlegt den Tod von Klaus in die Reise. Tatsächlich hatte Erika Mann Deutschland nach dem Krieg nicht gemieden, schon 1945 ging sie als Kriegskorrespondentin zurück. So souverän wird sie auch im Film gezeigt, nicht als verunsicherte Exilierte, die in die verlorene Heimat reist, sondern als Frau, die sich mit einem Land konfrontiert, das sich bereits wieder neu erzählen will. Es ist schon krass, wie wenig sich Pawlikowski dafür ausdenken muss. In Frankfurt wie in Weimar wird Thomas Mann hofiert, als könne sich das neue Deutschland über Goethe und den weltberühmten Schriftsteller eine neue moralische Herkunft verschaffen. Im Westen klingt das anders als im Osten. Das Verfahren ist dasselbe. Daraus gewinnt der Film einen extra trockenen, teils fast absurden Humor. »Vaterland« ist auch so rasend aktuell, weil er die Kunstfertigkeiten der Vergangenheitskorrektur vorführt und Geschwindigkeit zeigt, mit der nach einer Katastrophe das Vergessen beginnt.
Auch die kleineren Rollen sind sorgsamst besetzt. Devid Striesow spielt einen aufrechten Johannes R. Becher, Joachim Meyerhoff mit aasiger Brillanz Gustaf Gründgens. Hüller watscht diesen Gründgens genussvoll ab. Treffsicher auch das. Ähnlich virtuos zeigt sich Hanns Zischler, wenn er seinen Thomas Mann mit bestechender Eloquenz unzählige Pressefragen beantworten lässt. Nur auf eine Frage schweigt er: Where is home?
Grit Dora
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