31. Juli 2026

Gelingt es oder Nicht? 

Kann Christopher Nolan die hohen Erwartungen erfüllen? Kritik, Pro und Contra zu »Die Odyssee«
Gelingt es oder Nicht? 

Groß sind die Erwartungen an Christopher Nolan gewesen, die schwere Last vom drohenden Untergang der westlischen Filmkultur lag auf ihm. Gelingt es Nolan die hohen Erwartungen der Zuschauer, der Kritikerzunft und des Studios zu erfüllen? Unsere Kritiker sind da geteilter Meinung. 

Pro

Wenn das gefeierte Regietalent Christopher Nolan sich mit einer Liga der besten US-Schauspieler an die Verfilmung einer der einflussreichsten Dichtungen unserer sogenannten abendländischen Welt macht, was soll da schon schief gehen? Theoretisch sehr viel, ein seelenloser Sandalenfilm oder eine überdrehte Literaturverfilmung zum Beispiel können entstehen. Oder ein völlig desinteressiertes Publikum hätte sein oder einer der aktuellen Kriege eskalieren können. Die Studiobosse jedenfalls konnten sicherlich in den letzten Wochen nicht ganz so ruhig schlafen. Es war eine Menge Holz im Spiel. Seit letzter Woche können sie aber selig träumen. 

Nolans Verfilmung erfüllt prächtig seine selbst gestellte Aufgabe. Ihm gelingt ein auf den Punkt gebrachter Film voller großartiger Bilder und eine auf das Wesentliche reduzierte und dennoch prächtig unterhaltsame Geschichte. 

Und am besten, die Kassen nie süßer klangen (von allein 240 Mio. $ Einspiel in der ersten Woche wird erzählt). Garniert wird das von der großartigen Erzählung vom tollen IMAX Format. Dafür fing sein Kameramann Hoyte van Hoytema nicht nur tolle Bilder ein, sondern drehte auch auf analogem 70-mm Format entbehrungsvoll direkt vor Ort. 

Dafür gebührt Nolan aller Respekt. Er verfängt sich nicht in Details, er operiert wie ein klassischer Großmaler. Er entwickelt großformatige Settings und Hoyte van Hoytema fasst diese in wunderbare Bilder. Die IMAX-Technik tut ihr Übriges und wir können aufregende Bootsfahrten, europäische Landschaften und das brennende Troja erleben, als wären wir dabei. Die Settings sind real, alles scheint handgemacht, die digitalen Hilfsmittel sind reduziert – prächtige analoge Kinomagie entsteht.

Dramaturgisch handelt er ebenso perfekt. Seinen Helden schickt er auf eine, wenn auch historisch nicht verbürgte, Reise zu sich selbst, angelehnt an den klassischen Entwicklungsroman. Nolan trennt sich von der Homerschen Vorlage und treibt die Handlung ohne direkten Eingriff der Götter voran. Odysseus wirkt zwar etwas sehr zurückhaltend, erscheint nicht als der eloquente Tausendsassa. Dadurch gelingt dem Drama ein realistischer Blick auf einen gebrochenen Helden, einen, der in den großen Hollywoodfilmen nicht vorkommt. Er ist von den Ereignissen desillusioniert aber nicht zynisch geworden.

Seiner Tradition der verschachtelten Zeitebenen bleibt Nolan ebenso treu, der Film mäandert sehr harmonisch mit seinen Helden durch die Zeit, ohne den Zuschauer zu überfordern oder das Geschehen umständlich einzuordnen.

Was mich auch sehr beeindruckte: der kritische Blick auf die Gewaltgeschichte unserer Zivilisation. Der gebrochene Odysseus blickt am Ende voller Abscheu auf seine Schlächterei. Nolan stellt die allgemeine Kriegsbesessenheit in Frage und zeigt eindrücklich, was Krieg tut und was er aus den Überlebenden macht.

Manches irritierte auch; Wurde das Pferd nicht vor die Stadttore gestellt und war die Schilderung über denZyklopen und die von Zirze korrekt? Und ist die abschließende Schlächterei a la Tarantino  nicht zu viel Referenz an das klassische Actionkino?

Alles in allem aber: ganz, ganz großes Kino!

Mersaw


Contra

Ein fast dreistündiges Sandalenepos hatte schon 2004 „super“ funktioniert, zweiundzwanzig Jahre nach Wolfgang Petersens »Troja« liefert Christopher Nolan nun mit »Die Odyssee« die fast nahtlose Fortsetzung, nach der niemand fragte.

Darin gestaltet Odysseus (Matt Damon) seine Rückkehr von den Schlachtfeldern Trojas zurück nach Ithaka, als wäre er der John Wick des Schwertkampfs.

Das Ganze hat einen Handlungsablauf, der nicht unähnlich Christopher Nolans »Interstellar« ist. [Achtung: Spoiler] Die Heimat ist in Trouble, der Vater wird zur Rettung geschickt, geht verloren, sein Kind wächst ohne Vater auf, aber glaubt fest an ihn und folgt seinen Fußstapfen. Es folgen Handlungsstränge auf verschiedenen Zeitebenen samt Begründung einer zeitlichen Dissonanz und einer komplizierten Heimkehr. Irgendwie schon recht „basic“, aber das passiert eben, wenn man, anstatt viel Budget für ein originales Skript auszugeben, lieber Sparfuchs ist und uralte Schulbuchtexte verwertet.

Mit Matt Damon, Anne Hathaway, Zendaya, Robert Pattison, Elliot Page und unter anderem Tom Holland gibt es zwar ordentlich Starpower, aber es wurde vergessen, einer Handlung im antiken Griechenland auch wenigstens einen Hauptdarsteller des griechischen Kulturkreises zu spendieren.

Der dreistündige 70mm-Film ermöglicht dem Zuschauer, sich durchaus auch selbst wie auf einer Odyssee zu fühlen. Jedoch nicht auf Rückkehr nach Ithaka, sondern im Pendelverkehr zwischen Toilette und Sitzplatz. Alles ist zwar edel gefilmt, die Spezialeffekte erinnern jedoch weniger an Nolans anderes Werk »Dunkirk«, sondern eher an Edward Bergers reduzierteres »Im Westen nichts Neues«.

Bergers Interpretation schaffte, ohne wirklich gut zu sein, etliche Filmpreise abzusahnen. Und Nolans Film? Mal abwarten. Ganz unwahrscheinlich ist es nicht. Denn der Film wird zwar in Ecken des Internets (ha, Problem erkannt) verrissen, ohne dass er gesehen wurde, aber »Troja« wird bis heute noch abgestraft. Von diesem bin ich wiederum sehr angetan. Eine Kurzumfrage im Freundeskreis ergab für »Die Odyssee« außerdem immer noch einen „besser als erwartet"-Konsens. Außerdem könnte Nolan auch eine Plastiktüte im Wind filmen und er würde gefeiert werden.

Letztendlich ist es wahrhaftig kein Film langer Weile, aber in Sachen persönlicher Begeisterung ist diese Odyssee - für mich - vielleicht doch eher Odyss-eh. Aber glauben Sie nicht mir, schauen sie den Film einfach selbst, vielleicht sogar im Double-Feature mit »Troja«.

José Bäßler