7. April 2026

Unfassbar unterhaltsam & eine Liebeserklärung, Kolumne »Nouvelle Vague«, von Grit Dora

Richard Linklater inszeniert einen der einflussreichsten Filme der Kinogeschichte als eine Liebeserklärung an Paris, die junge Generation und an das Kino als Möglichkeitsraum.
Unfassbar unterhaltsam & eine Liebeserklärung, Kolumne »Nouvelle Vague«, von Grit Dora

Er schreibt Kritiken für die Pariser Filmzeitschrift „Cahiers du cinéma“ und ist ein großer Auskenner. Seine Kollegen haben schon Filme gedreht, jetzt zieht er nach: Jean Luc Godard drückt sich auf Premieren rum, staubt Drinks ab und schließlich einen Produzenten. Er holt Jean-Paul Belmondo ins Boot, schafft es, Shooting-Star Jean Seberg zu verpflichten und legt los. Auf den Straßen von Paris, in Büros und Mansardenzimmern dreht er »Außer Atem«. 

Leicht, heiter, schnell und sehr wach inszeniert Richard Linklater seine Hommage an Godard und die Nouvelle Vague. Trotz chronologischer Aneinanderreihung der Drehtage, Schwarz-Weiß-Ästhetik und der Übernahme des schon damals exotischen Formats 1:1,37 rekonstruiert er nicht ehrfürchtig die Entstehungsgeschichte, sondern geht wunderbar entspannt damit um.

Das fängt beim Casting an. Kaum bekannte Gesichter, keine Überstrahlung durch Stars. Aubry Dullin als Belmondo ist eine echte Entdeckung – lässig, charmant mit fantastischer körperlicher Präsenz. Ebenso Guillaume Marbeck als Godard. Beobachtend, kontrollierend, ein bisschen abwesend, weil immer ganz bei der Aufgabe, stattet er den Jungregisseur mit der nötigen Portion Besessenheit und Durchschlagskraft aus. Die nie abgelegte Sonnenbrille zeugt von reichlich Selbstvertrauen und Bewusstsein für Mythenbildung. Den verspielten Energien der beiden Spieler fügt Zoey Deutch als Jean Seberg eine ernsthaftere Dringlichkeit hinzu, die schon auf das Schicksal der Amerikanerin anspielt.

Linklater zeigt klar: Trotz seiner anarchistischen Energie, der Konsequenz, mit der Godard Regeln über den Haufen warf, drehte er nicht einfach drauflos, sondern arbeitete kalkuliert an Stil, Haltung und Wirkung. Marbeck spielt das mit schöner juveniler Arroganz und Energie. Wahnsinnig unterhaltsam sind die Szenen rund um die „Cahiers du Cinéma“. Da wird geredet, gestritten und massiv geraucht. Da sind junge Leute, die sich gegenseitig hochschaukeln, ein Feuerwerk an Ideen, Eitelkeiten, Konkurrenz abfackeln.

Kino findet als Dauerdebatte statt, ist Zugang zur Welt. Roberto Rossellini tritt auf, hält einen Vortrag. Die große Autorität ist gleichzeitig klamm. Beim Rausgehen schiebt er sich verstohlen Brote in die Sakkotasche und versucht Godard anzupumpen. Kleine Gesten, die viel über die Menschen, die Zeit, die Kunst und die Arbeitsbedingungen erzählen. 

Der Film hat ein starkes Prinzip: Er nennt Namen. Alle, auch die kleinsten Rollen. Jemand läuft durchs Bild – zack, Einblendung. Das ist nicht nur ein Gag, es ist ein Statement: Kino ist Teamarbeit. Und Erinnerung. Großartig das permanente Zitieren, meist mit Quellenangabe. Godard und seine Mitstreiter redet pausenlos über andere. Regisseure, Maler, Musiker, die ganze zeitgenössische Kunstszene wird aufgerufen. Sätze fallen wie nebenbei: „Anfänger kopieren, Profis stehlen“. Oder die Deadline-Nummer von Duke Ellington. Linklater zeigt so auf hochkomische Weise, wie sehr sich alle Kunst aus Referenzen speist.

Formal bleibt der Film leicht und luftig, nichts wirkt ausgestellt, alles natürlich gebaut. 

Egal, ob man ihn mit Vorkenntnissen anschaut oder ohne – er ist einfach unfassbar unterhaltsam und eine konkrete Liebeserklärung. An Paris. An eine junge Generation. An das Kino als Möglichkeitsraum und Zufluchtsort.

Grit Dora

https://nouvelle-vague-film.de