7. April 2026

Unerschütterliche Zugewandtheit, Kolumne »Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke«, von Grit Dora

Simon Verhoevens Verfilmung von Joachim Meyerhoffs Roman besticht mit einem zauberhaften Zusammenspiel der Generationen
Unerschütterliche Zugewandtheit, Kolumne »Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke«, von Grit Dora

Es beginnt mit dem Begräbnis des Bruders. Ein junger Mann steht am Rand des Grabes und hat keinen Zugang zu dem, was er fühlen sollte. Er ist in Schockstarre, die Eltern sind paralysiert von der Trauer, das Elternhaus Resonanzraum des Verlusts. Bleiben kann er dort nicht. Also geht Joachim – die Filmfigur nach der gleichnamigen autobiografischen Vorlage von Joachim Meyerhoffs Roman - von Norddeutschland nach München zu seinen Großeltern. Um die Aufnahmeprüfung an der Otto-Falckenberg- Schauspielschule zu bestehen und die größtmögliche Distanz zwischen sich und die riesige Lücke zu bringen, die der Tod des Bruders gerissen hat.

Regisseur Simon Verhoeven (»Willkommen bei den Hartmanns«) adaptiert Meyerhoffs Roman als fein austariertes Wechselspiel zwischen Verlust und Lebenslust. Die titelgebende „Werthersche“ Lücke meint natürlich nicht nur den Tod des Bruders, sondern immer auch die Lücke zwischen eigenem Anspruch und Möglichkeit. Das hätte leicht kippen können – ins Betuliche, ins Sentimentale oder ins grell Anekdotische, zu dem Meyerhoff in seinen Büchern gelegentlich neigt. Aber die Gratwanderung gelingt, weil die Regie auf Rhythmus und Figuren setzt. Wunderbar die Großeltern, verkörpert von Senta Berger und Michael Wittenborn, die Joachim in ihren gutbürgerlichen Münchner Haushalt aufnehmen und ihm mit ihren festen Ritualen, einem konstant gepflegten Alkoholpegel und dem leicht exzentrischen Lebensstil Halt geben. Sie trinken, parlieren, pflegen ihre Eigenheiten – und bieten ihrem Enkel damit genau das, was das Elternhaus nicht mehr leisten kann: Wärme, Struktur, eine Form von unerschütterlicher Zugewandtheit.

Senta Berger spielt diese Großmutter mit feinem Diven-Pathos und liebevollem Sarkasmus, Michael Wittenborn kontert mit würdevoller Schrulligkeit. Und »Discounter«-Star Bruno Alexander stellt mühelos Augenhöhe zu diesen beiden großen Mimen her. Sein klares, offenes Gesicht wirkt entwaffnend. Man sieht die Blockade, die Sprachlosigkeit, die innere Verkrampfung. An der Schauspielschule scheitert er nicht an Technik, sondern am fehlenden Zugriff auf die eigenen Gefühle. Wie soll man Emotionen darstellen, wenn man sie gleichzeitig unter Verschluss halten muss, um nicht durchzudrehen? Alexanders Spiel bleibt dabei bemerkenswert unprätentiös – verletzlich und zugleich erstaunlich gefasst. Seine Widerständigkeit führt den Budenzauber der Theaterwelt, das ganze Schauspielschulen-Tamtam ad absurdum. An seiner schützenden Affektlosigkeit reiben sich die Lehrerinnen (lustvoll gespielt von Anne Ratte-Polle, Karoline Herfurth und der großen Victoria Trauttmannsdorf) bis ein Moment echter Gefühlsregung ihn plötzlich sichtbar macht, wenn er das Lieblingslied seines Bruders a cappella singt, brüchig und voller Wahrheit.

So erzählt der Film vom Ringen um Ausdruck, hochkomisch und zugleich voll leiser Tragik.  Während Joachim an der Schauspielschule trotz der Ego-Shooter in der gleichfalls zu absolvierenden Theaterpraxis (grandios, Tom Schilling als überambitionierter Regieassistent) erstaunlicherweise den Zugang zu seinen Gefühlen wiederfindet, sind ihm Großeltern ein sich langsam auflösendes emotionales Sicherheitsnetz. Seine wiederkehrende Lebensfreude verhält sich umgekehrt proportional zu ihrem Verfall. Dennoch entsteht ausgerechnet in dieser Konstellation eine leise Zuversicht. »Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke« ist ein Film über Verlust, der sich nicht im Schmerz einrichtet. Er findet Humor, ohne die Trauer zu relativieren. Und er vertraut darauf, dass Nähe selbst in ihrer schrägsten, alkoholdurchtränkten Form eine Brücke schlagen kann, wo Worte nicht ausreichen.

Grit Dora

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