Wo ist Greiz? Kolumne zu »Etwas ganz Besonderes«
„Wo kommst du her? Aus Greiz. Wo ist denn Greiz? Bei Gera. Und wo ist Gera?“ Eine kleine Szene, beiläufig gespielt. Lea (Frida Hornemann) muss ihre Heimat erst erklären. Der fragende Mitbewerber in einer Castingshow kommt aus Ennepetal und hält es für selbstverständlich, dass man weiß, wo das liegt.
Regisseurin Eva Trobisch (»Ivo«, »Alles ist gut«) erzählt in ihrem neuen Film viel über Sichtbarkeit und darüber, welche Geschichten selbstverständlich sind und welche nicht. Da ist die Castingshow in Köln mit ihrem Versprechen, aus jedem Menschen etwas Besonderes herauszukitzeln. In der Lea, auf die Frage, was sie als Mensch so ganz besonders macht, keine fertige Antwort hat. Blöde Frage auch. Lea will einfach singen, damit bisschen Geld verdienen und vor allem ihren Platz finden. Im bröckelnden Greiz, wo nach bald vierzig Jahren noch deutlich anders gelebt, anders aufgewachsen wird als zum Beispiel in Ennepetal. Da ist die Traditionspension von Leas Großeltern in Greiz, deren beste Zeiten lange zurückliegen. Da ist Tante Kati, die Weltläufigste in der Familie, die lange im Ausland gelebt hat, jetzt das Schloss wieder aufbaut und dennoch nicht mehr ohne weiteres in ihrer Heimatstadt ankommt. Da sind Leas frisch getrennte Eltern, die erst in ihre neuen Rollen hineinwachsen müssen.
»Etwas ganz Besonderes« setzt auf Beobachtung, nicht auf Interpretation. Trobisch erzählt konsequent multiperspektivisch. Lea bleibt nie alleinige Hauptfigur. Auch Matze(Max Riemelt) als Leas Vater, Rieke (Gina Henkel) als Mutter, Kati, die Tante (Eva Löbau), Christel (Rahel Ohm), die Oma und Friedrich (Peter René Lüdicke), der stets schweigende Opa bekommen ihren eigenen Blick auf die Dinge. Sympathien verschieben sich ständig. Wer eben noch im Recht schien, erscheint im nächsten Moment angreifbar. Der Film sortiert und erklärt nicht. Er vertraut darauf, dass sein Publikum die Lücken zwischen den Geschichten selbst füllt.
Besonders stark ist eine Liebesszene zwischen Matze und seiner Ex-Frau Rieke, die inzwischen von ihrem neuen Partner schwanger ist. Die Situation könnte zum großen Beziehungsdrama werden. Trobisch inszeniert sie eher beiläufig. Da ist Vertrautheit, körperliche Nähe, Humor, Ratlosigkeit. Zwei Menschen, die sich noch kennen, obwohl sie längst getrennte Leben führen. Keine Pose, kein Pathos, stattdessen wunderbare Selbstverständlichkeit.
Die Bilder wirken oft erstaunlich ungeschönt, erinnern zuweilen an die dokumentarische Tradition ostdeutscher Fotografie. Gesichter, Körper und Räume dürfen Brüche haben. Die Kamera schaut einfach zu, bewertet nicht.
Hinter den innerfamiliären Geschichten liegt die Frage, wer eigentlich bestimmt, welche Biografien Bedeutung bekommen. Die Castingshow verspricht Sichtbarkeit, die Familiengeschichte widersetzt sich jedoch deren einfachen Erzählmustern. Zwischen diesen krassen beiden Polen entwickelt Trobisch einen Film, der offen bleibt, Widersprüche zulässt, nicht auflöst und gerade dadurch überzeugt.
»Etwas ganz Besonderes« verlangt Aufmerksamkeit. Nicht, weil er kompliziert wäre, sondern weil er seinen Figuren dieselbe Freiheit zugesteht wie seinem Publikum. Auch das erzählt der Film ohne große Gesten.
Grit Dora