16. September 2026

Aber Funken sprühten immer – DANKE GLEN

Unerwartet verstarb Ende Juli der irische Sänger, Gitarrist und Schauspieler Glen Hansard. „Du besaßt die Gabe, alle glücklich zu machen.“ Ein Nachruf von Rollo Tomasi
Aber Funken sprühten immer – DANKE GLEN

In Dublin darfst du nur geboren werden, wenn du ein Instrument spielen und anständig singen kannst. Auf Beerdigungen, im Pub, auf der Grafton Street... So dachte ich vor drei Jahren, als Glen Hansard „A Fairytale in NewYork“ anstimmte, auf Shane MacGowans Beerdigung. Neulich, an einem Urlaubstag in der Bretagne, wache ich auf und meine, gerade am Tisch gesessen zu haben mit Glen Hansard, der mir die Hand gab und sagte, wir nehmen deine Fotos, weil die besser sind. Träume sind echt nicht meine Stärke, ich bring da was durcheinander. Zwei Tage zuvor, sitze ich im Cinéma Arletty und schaue „Ghost Elephants“ von Werner Herzog, dessen Stimme mich daran erinnert, dass ich vor zwölf Wochen in der Berliner Columbia-Halle den Plan fasste, bei meinem nächsten Glen Hansard Konzert ein Plakat von „Fitzcarraldo“ mitzunehmen und es ihm zu schenken. Als ich ihm das erste Mal begegnete, schrieb er Danke Glen auf mein Filmplakat... Genau in der Mitte zwischen Kinoabend und Morgentraum stirbt Glen Hansard in Dublin im Alter von 56 Jahren.

Ich sah ihn zum ersten Mal 1991. Ohne es zu wissen, im Nickeloedon, in der Rolle des Commitments-Gitarristen. Seit dem Film »On The Edge« (2001) hörte ich seine Musik. In der Pressevorstellung von »Once«, Ende 2007, dachte ich, forfucksake, das ist doch Outspan Foster in der Grafton Street. Warum kenne ich seine Stimme, wieso singt er einen Van Morrison Song? Dann am 16.11. 2008 im Schlachthof Dresden, als ich ihm das alles erzählte, und dass er hätte eigentlich im Kino Metropolis spielen sollen. Hoffnungslos ausverkauft. Sieben Konzerte später war es, am 8. Mai 2026 in Berlin, als er zum Besten gab, wie ihn 30 Jahre zuvor Klaus Kinski aus dem Küchenfernseher anstarrte und »Fitzcarraldo« durch seine Adern kroch.

Wenn einer Geschichten erzählen kann, dass man am Ende glaubt, man hätte selbst in dieser Küche im Norden Dublins gesessen, schlecht gelaunt von den stockenden Aufnahmen zur zweiten Platte, und man sei selbst vollkommen durchgeschwitzt angesichts des Irrsinns, den Kinski und Herzog da mit diesem Amazonas-Dampfer treiben, in die nächste Videothek gerannt, also, wenn das einer so erzählen kann, dann Glen Hansard. Lieblingsmensch. Der das Handwerk des Geschichten-Erzählens und Gitarre-Schredderns lernte als Straßenmusiker in Dublin, der Anfang der Neunziger „The Frames“ gründete, auf Tour ging, und das Glück hatte, dass Bassist John Carney bald die Band verließ, um Kinofilme zu drehen. Kaufte Hansard sich für seine erste Filmgage nur eine anständige Gitarre, bot ihm sein zweiter Auftritt, inklusive des OSCAR für den Besten Filmsong, den er mit Markéta Irglová zusammen schrieb, die Möglichkeit zu einer fast 20-jährigen, weltweiten Konzerttournee. „Forward“, die letzte Swell Season CD mit Markéta Irglová, birgt die Zeile „I live for the light we made when we collide“. So ähnlich beschreiben das alle Menschen auf seiner Beerdigung. Nicht dass seine Brüder Gary und Richard, Lisa O'Neill oder Eddie Vedder, mit ihm so kollidiert wären wie die junge Tschechin damals, anders eben, aber Funken sprühten immer, Bono meinte dazu: Everyone who met him, they just remember the day they met him. (Funken finden sich auf dem youtube- bzw. Patreon-Kanal von Filmemacher Myles O'Reilly.)

Danke Glen. Du hast gesungen auf den Straßen der Welt, vor und nach deinen Konzerten, zu Weihnachten für die Obdachlosen in Dublin. Hast Stadien und Hallen gefüllt, hunderte Gäste auf die überdachte Bühne im Zuiderpark in Den Haag geholt, als der Regen unerbittlich wurde. Legendär, wie du und Joe Doyle in Rudolstadt „Astral Weeks“ schreddern. Du besaßest die Gabe, wie im Palladium Warschau, alle glücklich zu machen, hast den kompletten Saal bei Leonard Cohens „Passing Through“ sich hinsetzen und miteinander singen lassen. Bist mit der ganzen Kapelle über den Balkon im Gewandhaus Leipzig gezogen. Menschen stimmten in deine Lieder ein, die diese vorher noch nie gehört hatten. Wie die feinen Leute in der ausverkauften Royal Albert Hall, die du alle hast aufstehen lassen, um mit dir das irische Knastlied „The Auld Triangle“ zu singen.

„Play forever!“, rief 2013 eine Frau im Ed Sullivan Theatre und „may you stay forever young“, sangen sie auf deiner Beerdigung. Sláinte und gute Reise.

Rollo Tomasi