14. Februar 2017

Mit Tiefsinn und Deko-Fee

Pro & Contra – »Paterson«
Mit Tiefsinn und Deko-Fee

Drei Jahre ließ sich Jim Jarmusch für seinen neuen Film Zeit. In der Redaktion des Kinokalender Dresden sorgt der für ein geteiltes Echo.

Pro:
Unterstellen will ich nix, aber kann es sein, dass der Schauspieler Adam Driver, der zuletzt als »Star Wars«-Bösewicht Han Solo und Konsorten ordentlich den Hintern versohlte, nur aufgrund seines Namens die Hauptrolle im neuen Jim Jarmusch-Film erhalten hat? Der Driver spielt darin nämlich einen Busfahrer. Nomen est omen quasi. Und um der Doppeldeutigkeit noch einen draufzusetzen, nennt Jarmusch seinen Protagonisten Paterson – ebenso wie die Stadt, in der die Geschichte spielt.

Herrlich absurd das Ganze, und doch typisch für den inzwischen 63-jährigen Regisseur. Der hat – einmal mehr – in seinem Film vordergründig nicht viel zu erzählen und findet doch unendlich viel Zauberhaftes im monotonen Alltag seiner Hauptfigur. „The same precedure as every week“ lautet das Credo und so geht Paterson jeden Tag zur Arbeit, fährt jeden Tag dieselbe Route, lauscht jeden Tag den Gesprächen seiner Fahrgäste und besucht jeden Abend seine Lieblingskneipe. Doch Moment, was ist das? Sahen die Vorhänge im Wohnzimmer gestern nicht anders aus? Denn während Paterson der Routine folgt, sucht seine Freundin Laura (wie immer wunderbar: Golshifteh Farahani) die Abwechslung. Ständig. Jederzeit. Pausenlos. Ein ungewöhnliches Paar. Aber Gegensätze ziehen sich ja bekanntlich an.

Soweit das Offensichtliche. Denn der maximale Minimalismus, den Jarmusch hier gewohnt lakonisch auf die Leinwand zaubert, ist gleichsam eine Verneigung vor der Poesie und dem Dichter William Carlos Williams. Der verfasste 1926 ein 85 Zeilen langes Gedicht über den Ort Paterson und inspirierte Jarmusch zu seinem Film. Ebenso wie Williams feiert der Regisseur die kleinen Details und die Dinge des täglichen Lebens. Entstanden ist eine wunderschöne, entspannte und unaufgeregte Hommage an den Ort, dessen Bewohner und die Kreativität, die jedem einzelnen Menschen innewohnt: Sei es das extrovertierte Auftreten von Laura, die Wände, Kleider und Möbel bemalt, Cupackes bäckt und als Musikerin anderen Freude bringen will, oder das introvertierte Schaffen von ihrem Freund, der seine Gedichte nur für sich selbst schreibt.

Sogar für Selbstreflexion nimmt sich Jarmusch Zeit: Lauras Vorliebe für schwarz-weiße Muster und die interessant-witzigen Unterhaltungen der Busfahrgäste erinnern an seine Kurzfilmsammlung »Coffee and Cigarettes«, ein Gastauftritt von Rapper Method Man an Jarmuschs Freundschaft zum Wu-Tang Clan, und die kurze Erwähnung von Iggy Pop ist nichts weiter als freche Eigenwerbung für seine Doku »Gimme Danger«, die im April des kommenden Jahres zu uns ins Kino kommt. In der wird es erwartungsgemäß etwas lauter zugehen als in »Paterson«. Vielleicht gibt’s ja dann zum Start ein Double-Feature mit dem Titel: „Die zwei Seiten des Jim Jarmusch“. Ich wäre sofort dabei!

Csaba Lázár


Contra
Ich liebe Jarmusch, weil er einfach nicht korrumpierbar ist und der Menschheit seit nunmehr fast 40 Jahren Autorenfilme beschert, die diese Bezeichnung auch verdienen, Filme wie »Stranger than Paradise«, »Mystery Train«, »Ghost Dog« und, und, und. Weil er sich stets mit der Gegenwart auseinandersetzt und aktuell auch mit zeitgenössischen Produktionsverhältnissen - sein neuer Film ist von Amazon produziert und dieser Umstand kann bei ihm nur subversive Gründe haben.

Ich liebe Jim Jarmusch, weil er auf angenehm verquere Weise aussieht wie der Zwillingsbruder Pedro Almodovars, wobei der Spanier an dieser Stelle nichts verloren hätte, wenn Jim Jarmusch in seinem neuen Film nicht permanent Zwillinge im Bus des Freizeit- vielleicht aber auch Profidichters Paterson mitfahren ließe. Ob dieser Zwillingslink etwas mit Seelenverwandtschaften im Allgemeinen oder der nahezu symbiotischen Nähe zwischen Paterson und seiner Frau Laura zu tun hat, konnte ich nicht entschlüsseln, aber das Auftauchen von Zwillingen, zumal so gehäuft, hat immer etwas Magisches.

»Paterson« zeigt einen Mikrokosmos, eine Woche aus dem Leben eines Mannes, der so heißt wie die Provinzstadt, in der er lebt, eine Stadt mit einem etwas zu kleinen Wasserfall als einziger Sehenswürdigkeit und einem bekannten Dichter, William Carlos Williams.

Der von Williams inspirierte schreibende und mit seiner wunderschönen, auf nette Art gestaltungswütigen Frau und der Bulldogge Marvin in einer Glücksblase lebende Busfahrer Paterson erlebt jeden Tag eine Menge unspektakulärer kleiner Dinge. Er macht jeden Abend eine Runde mit seinem Hund und trinkt in seinem Stammlokal genau ein Glas Bier. Die Geschichte startet an einem Montag morgen, alle Wochentage werden durchdekliniert. Bis ungefähr Mittwoch Abend fand ich das sehr spannend, weil ungeheuer tiefenentspannt vorgetragen. Adam Driver hat ein tolles ausdrucksstarkes Gesicht, das man gern lange anschaut.

Ab Donnerstag Morgen ging mir diese glasklare Struktur auf die Nerven und ab Freitag Abend auch Paterson selbst. Ich ahnte die Bedeutungsebenen, Querverweise, wie Jarmusch kunstvoll alles mit allem verwebt, wie konsequent, wie minimalistisch er vorgeht, und wie wichtig das alles ist. Es ging aber total an mir vorbei, zu viel Kunst, zu viel Konstruktion, zu wenig Leben. Mit guten Gründen kann und wird von diesem Film auch das Gegenteil behauptet. Dass das Leben eben so ist oder so sein sollte: langsam, alltäglich - und im Gleichgewicht. Jarmuschs Frechheit, von einer Welt zu erzählen, “die im Kern im Lot ist”, wie es ein Kollege zusammenfasste, der den Film großartig fand, ging mir ziemlich auf die Nerven. Vielleicht lag es auch an der Uhrzeit, ich war in einer Spätvorstellung. Nicht erklären konnte mir der Kollege allerdings, was an dem Frauenbild subversiv sein könnte, das der Film transportiert. Golshifteh Farahani gibt als Patersons Frau Laura in jeder Hinsicht die Deko-Fee. Wo Paterson den Tiefsinn schlechthin verkörpert, darf sie ganz äußerlich sein. Hm.
Grit Dora

http://www.paterson-derfilm.de