14. Februar 2017

Darf der das?

Pro & Contra – »Die Blumen von gestern«
Darf der das?

Darf der Chris Kraus das? Dem Holocaust mit Humor entgegentreten? Die Redaktion des Kinokalender Dresden meint: "Ja!". Über die Qualität des Films werden sich unsere Autoren allerdings nicht einig.

Pro:
Vor einigen Jahren dokumentierte der Regisseur Arnon Goldfinger in »Die Wohnung« (2011), wie er beim Ordnen der Habseligkeiten seiner verstorbenen Großmutter, die in Tel Aviv lebte, auf zahlreiche Briefe stieß. Aus ihnen wurde ersichtlich, dass die Großeltern, die 70 Jahre zuvor Nazi-Deutschland verlassen mussten, auch nach ihrer Flucht enge Kontakte zu einer deutschen Familie pflegten, die eindeutig dem Führungszirkel der Braunhemden angehörte. Die anschließende Konfrontation der Nachkommen jener Familie mit diesen Fakten war gleichsam erhellend wie erschütternd: „Mein Opa ein Nazi? Niemals!“

Auch Goldfingers Kollege Chris Kraus, dessen zweiter Kinofilm »Vier Minuten« (2006) weltweit unzählige Preise abräumte, wollte der kollektiven Verdrängung der familiären Geschichte in seinem Umfeld etwas entgegensetzen. Das Ergebnis: »Die Blumen von gestern«, eine Komödie, die dem Holocaust und dessen verständlicherweise schwerem Gedenken mit Humor begegnet. „Wir leben in einer Zeit, in der man dem rechten Wahnsinn mit allen Mitteln die Stirn bieten muss, warum also nicht mit Mitteln anarchischer Fröhlichkeit […]?“, begründet Kraus seinen Ansatz.

Als ausgebildeter Historiker möchte ich Chris Kraus dafür und für seinen daraus entstandenen mutigen, verrückten, provozierenden, herausfordernden, außergewöhnlichen und ja, sehr witzigen Film danken! Zum einen, weil er darin verdeutlicht, welche Folgen das möglicherweise abscheulichste Verbrechen der Menschheitsgeschichte bis heute hat. Zum anderen, weil er es wagt, die ganze offizielle Erinnerungskultur in Frage zu stellen. Eine Holocaust-Gedenkveranstaltung, die von einem deutschen Autobauer gesponsert wird? Eine Shoa-Überlebende, die keine Lust hat, zum wiederholten Male öffentlich über ihr Erlebtes zu berichten? Ein verbissener Historiker namens Totila „Toto“ Blumen (Lars Eidinger), der sich weigert, vor einem Auschwitz-Foto zu speisen? Eine französische Praktikantin (Adèle Haenel), die ein Kinderfoto von Hitler als ‚süß‘ bezeichnet? Regisseur Kraus holt zum schwarzhumorigen Rundumschlag aus, dichtet allen Figuren irgendeine Macke an und hat auch kein Problem damit, deren selbstverliebtes Gutmenschen-Syndrom zu karikieren: „Polen, das Land der guten Putzfrauen“ ist da nur einer von vielen bitterbösen Sätzen, mit denen Toto seine eigene Engstirnigkeit unterstreicht.

Es wäre leicht, Kraus Respektlosigkeit und ein Zuviel an abgedrehten Charakteren vorzuwerfen. Das Gegenteil ist der Fall: Ohne diese konstante Provokation und Überzeichnung fiele »Die Blumen von gestern« ganz schnell zurück ins Belehrende, in jene ermüdende „ihr müsst jetzt ernst und demütig sein“-Form, die vielleicht auch für die beständige Unlust Vieler verantwortlich ist, sich immer wieder an das Geschehene von einst zu erinnern. Doch wer es nicht tut, glaubt am Ende noch irgendwelchen schreienden Geschichtsklitterern aus dem Thüringer Landtag.

Csaba Lázár

Contra

Eine kurze Inhaltsangabe könnte so lauten – zwei Durchgeknallte treffen aufeinander und schaffen es doch nicht, sich aus dem Dreck zu ziehen. Klingt krass und wird auch so inszeniert. Darf denn der das? Klar, denn nur so kann heute über unsere Geschichte erzählt werden. Es entsteht eine im wahrsten Sinne ergreifende und auch zum Lachen anregende Auseinandersetzung mit der Shoa, den Verstrickungen und dem Unheil.

Chris Kraus - in diesem Zusammenhang sei auf seine beiden großartigen Filme »Vier Minuten« und, thematisch dem jetzigen Film vorgreifend, »Poll« hingewiesen - gelingt, besonders auch Dank seiner beiden Hauptdarsteller Lars Eidinger (Totila) und dem französischen Shooting-Star Adéle Haenel alias Zazie, die die deutsche Sprache übrigens in nur zwei Wochen in Dresden erlernt hat, ein provozierender Film über Schuld und das sehr persönliche Leid junger Menschen noch in der übernächsten Generation. Zahlreiche Kritiken werfen dem Film einen lächerlichen Umgang mit dem Thema vor, gar "ästhetische Stümperhaftigkeit". Das ist dann aber schon weit hergeholt und wenig kenntnisreich.

Dass Enkel der Opfer und der Täter mit schweren persönlichen Problemen auskommen, ist nicht ungewöhnlich. Dieses Leiden an nicht selbst verursachtem Wahnsinn wird beeindruckend auf den Punkt gebracht und dient als Kristallisationspunkt für das große Thema. Kraus unterstützt seinen ungewöhnlichen Ansatz auch durch die witzige Erzählform als Rückblick auf eine wichtige Episode im Leben Totilas. Diese weitet sich zur Kritik an der seelenlosen Hülle institutionalisierter Geschichtsaufarbeitung, die den eigentlichen Kern, den Menschen und sein Leiden, im Kampf um Mittel und Deutungshoheit aus den Augen verliert. Dafür verdienen der Regisseur und sein Team großen Respekt.

Allerdings zählt im Kino ja nicht nur der gute Ansatz, es sollte der Film auch den Zuschauer erreichen. Da könnte Chris Kraus den Bogen überspannt haben. Der Einstieg in den Film wird durch die exaltierten und etwas realitätsfernen Szenen erschwert. Rolf Hoppe gibt mit seinem kleinen Auftritt einen eher muffligen als kauzigen Chef der „Zentralen Stelle Ludwigsburg“. Die mutiert im Verlauf zum Zerrbild einer bürokratischen, leeren Hülle auch dank des neuen Leiters Balthasar (Jan Josef Liefers). Dessen Darstellung ist dann doch eher schlechte Karikatur als großes Kino.

Auch die Liebesgeschichte zwischen Totila Blumen und Zazie (Adèle Haenel) leidet unter einigen Plausibilitätslücken. Warum ergibt Zazie, die Geliebte des Chefs, sich dem durchgeknallten Historiker? Klar, Liebe und so aber später stört der kleine, im Knast einsitzende Bruder mit einer kruden Geschichte die Erlösung. Und wen soll er im Westdeutschland der 70er Jahre erriechen?

Die Idee des dunklen Familiengeheimnisses von Totila und seiner Frau, die sich als kleiner, drastisch erzählter Witz durchzieht, als Erlösungsansatz zu nehmen, geht auch nicht richtig auf. Zazie heilt und Totila steht am Ende seinen Mann. Scheitert aber letztlich doch an seiner eigenen Zerrissenheit? Das alles klingt dann doch arg nach Kintopp.

Neben den genannten dramaturgischen Schwächen fällt auf, dass der Film trotz seiner internationalen Drehorte – neben Baden-Württemberg wurde auch in Wien, Riga und New York gedreht – optisch nicht viel über hochwertiges Fernsehniveau herausragt. Schade.
Mersaw

http://www.die-blumen-von-gestern.de