14. Februar 2017

Der ganze Effektekrams nur Beiwerk!

Pro & Contra – »Arrival«
Der ganze Effektekrams nur Beiwerk!

Einmal mehr sorgen Aliens für Unruhe und erinnern uns ­Zuschauer an die simpelste und bedeutendste Fähigkeit: Kommunikation. Bleibt nur die Frage nach der Plausibilität…

Pro:
Was braucht die Filmwelt noch weniger als neue TV-Krimis? Richtig, cineastische Alien-Invasionen. Nachdem uns dieses Jahr schon die »Die 5. Welle« überrollte und anschließend der »Independence Day« eine unerwünschte »Wiederkehr« feierte, nun also kurz vor Jahresende noch so ein Ding, in dem eine außerirdische Spezies auf der Erde erscheint und womöglich nichts Gutes im Schilde führt. Allerdings lautet der Name des Regisseurs diesmal nicht Roland Emmerich sondern Denis Villeneuve. Und der ist bisher weniger mit lautem Actionkino als vornehmlich anspruchsvoller Thriller (»Enemy«, »Sicario«) und Dramakost (»Die Frau die singt – Incendies«) aufgefallen. Also vielleicht doch kein zweites »Mars Attacks« zum Weihnachtsfeste?

Erfreulicherweise nicht. Dafür ein zweistündiges Paradebeispiel dafür, wie bedeutsam das Science-Fiction-Genre sein kann, um etwas über den Zustand der Welt im Hier und Jetzt zu sagen; wie ein visuelles Konzept dafür genutzt werden kann, eine Handlung nur auf optischer Ebene voranzutreiben; wie glücklich wir uns schätzen können, dass dieser und kein anderer Filmemacher gerade an der »Blade Runner«-Fortsetzung tüftelt.

Schon die Prämisse ist keine gewöhnliche: Nachdem sich rund um den Globus zwölf extraterrestrische Flugobjekte positioniert haben, bitten sie den Homo sapiens zum Gespräch. Mittels einer Luke, die sich alle 18 Stunden öffnet, bietet sich die Möglichkeit, ins Innere der riesigen obeliskartigen Schiffe vorzudringen. Die Sprachwissenschaftlerin Louise Banks (Amy Adams) wird vom nervösen Militär gebeten, einen ersten Kontakt zu den Besuchern herzustellen. Die entpuppen sich als Tentakel schwingende Vielbeiner, die rätselhafte, kreisförmige Symbole zum Kommunizieren verwenden. Diese werden von übereifrigen Wissenschaftlern auf der anderen Seite der Welt sogleich als Bedrohung interpretiert. Louise bleibt daher nicht viel Zeit, die Bedeutung dieser Zeichen zu entschlüsseln.

Nachhaltig ist Science-Fiction im Film immer dann, wenn die (menschlichen?) Charaktere im Mittelpunkt stehen und der ganze Effektekrams nur Beiwerk ist. J.J. Abrams bewies das mit seinem »Star Wars«-Film gerade erst wieder eindrucksvoll. Sein Kollege Villeneuve bleibt ebenso stets auf seine Hauptfigur, die von einem persönlichen Verlust gezeichnete Louise, konzentriert. Einen Großteil der Laufzeit verweilt die Kamera auf ihrem Gesicht, lässt uns mit ihr staunen, wenn sie innerlich und äußerlich im wahrsten Sinne des Wortes den Boden unter den Füßen verliert, und verknüpft ihr persönliches Schicksal sukzessive mit dem eigentlichen Plot.

Es ist bemerkenswert, wie intim »Arrival« trotz riesiger Raumschiffe, lärmender Militärfahrzeuge und atemberaubender Special Effects letztendlich ist. Eine Eigenschaft, die das Werk mit Christopher Nolans »Interstellar« teilt. Doch während Nolans Film „nur“ von der Reise eines Menschen erzählte, gelingt es Villeneuve zudem, uns Zuschauer an die simpelste und gleichsam bedeutendste Fähigkeit zu erinnern, um Eskalation jeglicher Art zu verhindern: Kommunikation. Hat ja damals bei E.T. auch schon gefunzt.

Csaba Lázár


Contra:

Denis Villeneuve überrascht immer wieder mit seinen ungewöhnlichen Filmen über alle Genres hinweg, mit seinen Fähigkeiten, Geschichten außergewöhnlich zu erzählen und zu komponieren. Insofern sind natürlich die Erwartungshaltungen hoch. Und Villeneuve macht in »Arrival« soweit alles richtig, er entwirft einen sehr persönlichen und philosophisch angehauchten Film, verzichtet auf spektakuläre Actionsequenzen und legt den Schwerpunkt auf einen sonderbaren Blick auf unsere Welt durch seine Heldin.

Auch die Besetzung stimmt. Amy Adams beweist eindrucksvoll, warum sie aktuell zu den bestverdienenden Schauspielerinnen Hollywoods zählt (noch vor zehn Jahren wurde sie als „Indie Queen“ bezeichnet). Etwas unleidlich agiert Jeremy Renner und Forest Whitaker darf einen unterkühlten aber sehr effizienten Bin-besorgt-aber-habe-alles-im-Griff Beamten spielen. Die Story wird visuell herausragend und stringent erzählt, bleibt spannend bis zum (bekannten) Ende und wirft interessante Fragen über uns und den Zustand der Welt auf (natürlich sind die anderen Nationen unkalkulierbar und fremd, sehr wohltuend aber, es wird nicht moralisiert). Auch auf die ungewöhnliche und dank ihrer fehlenden Aufdringlichkeit im Kopf bleibende Filmmusik von Jóhann Jóhansson sei hingewiesen. Soweit und so perfekt.

Bleibt allerdings ein schwer verständlicher, für mich nicht nachvollziehbarer grundsätzlicher Fehler. Das Drehbuch basiert auf der Kurzgeschichte »Story of Your Life« von Ted Chiang. Was in einer Kurzgeschichte noch funktioniert und der Leser in seinem Kopf durch seine Fantasie und Querverweise mit eigenen Bildern und Schlussfolgerungen füllt, wird bei so einem Film zwangsläufig zum Problem. Nämlich die Frage nach der Plausibilität der Geschichte. Gut, könnte man einwenden, Aliens an sich entbehren ja schon jeder realistischen Grundlage. Aber der Traum vom Kontakt mit eventuell doch existierenden Außerirdischen ist nun mal ein gern geträumter. Insofern dürfen wir hoffen, dass, wenn wir schon mal solchen Besuch bekommen, die Gäste auch ein gewisses Verständnis für unsere Art der Kommunikation mitbringen (ganz zu schweigen von technischen Gerätschaften für eine solche).

Schön, dass also Dr. Banks nicht nur die Welt rettet und auch ihre persönliche Tragödie verarbeitet. Die Geschichte wird aber mit zunehmender Laufzeit immer unglaubwürdiger und vor allem unlogisch. Der Rückblick auf Ereignisse ist unstrittig, die Vorausschau auf das eigene Leben oder das unseres Planeten aber ist ohne die Voraussetzung eines göttlichen Wesens nicht möglich.

Alternativ können natürlich auch Zeitreisen oder übersinnliche Fähigkeiten helfen. Mit solchen lässt sich fast alles erklären und das Publikum 2016 gern in Scharen anlocken. Aber brauchte der Film wirklich diese übersinnlichen Komponenten?
Mersaw

http://www.arrival-film.de/site/index.php