10. Mai 2026

Leben, Lieben und Sterben am Meer – Kolumne »Romería« von Grit Dora

Ein Film, der nicht erklärt, sondern freilegt – und gerade darin lange nachhallt.
Leben, Lieben und Sterben am Meer – Kolumne »Romería« von Grit Dora

Carla Simón erzählt in ihrem neuen Film von der Freiheitssuche ihrer Eltern, der Aufbruchstimmung nach dem Ende der Franco-Ära und den Umgang mit der aufkommenden AIDS-Pandemie.

Das Meer rauscht, glitzert, trägt Erinnerungen – und verschweigt ebenso viel, wie es preisgibt. In »Romería« wird es zur stillen Konstante einer Geschichte, die sich behutsam entfaltet und dabei immer tiefer in ein familiäres Schweigen hineinführt.

Mit ihrem dritten Spielfilm bleibt Carla Simón sich treu und geht zugleich einen Schritt weiter. Schon ihr Debüt »Fridas Sommer« (2017) verarbeitete den frühen Tod ihrer Eltern an Aids, ein Schicksal, von dem sie selbst erst mit zwölf Jahren erfuhr. In »Alcarràs – Die letzte Ernte« (2022) weitet sie den Blick auf Kindheit und Jugend im ländlichen Raum. »Romería« führt diese beiden Linien nun als intime, erneut stark autobiografisch gefärbte Rückkehr zu den eigenen Wurzeln zusammen.

Im Zentrum steht Marina (Llúcia Garcia), die für ein Stipendium zu ihrem Filmstudium einen Vaterschaftsnachweis benötigt. Sie reist von Katalonien, wo sie aufgewachsen ist, nach Vigo in Galicien, um die Familie ihres früh verstorbenen Vaters kennenzulernen. Beide Elternteile sind Opfer der Aids-Pandemie gewesen, Marina ist bei ihrer Großmutter mütterlicherseits aufgewachsen. Dringlicher noch als die praktische Notwendigkeit, die Unterlagen für ihr Studium zu vervollständigen, sind ihre Fragen zum Leben und zum Sterben ihres Vaters. 

Die Regisseurin inszeniert diese Suche mit der ihr eigenen Geduld: viel Alltägliches, viel Nähe, scheinbar beiläufige Gespräche. Marina lernt eine Familie kennen, die herzlich wirkt, solange man nicht zu genau hinhört. Denn »Romería« ist vor allem ein Film über das, was nicht gesagt wird. Über eine Generation, die gelernt hat zu verdrängen, zu beschönigen, zu schweigen. Die entscheidenden Wahrheiten brechen sich ihren Weg nicht durch Konfrontation, sondern durch Risse im Gefüge: ein Nebensatz, ein Kinderkommentar, ein Moment der Unachtsamkeit. Als Marina plötzlich zur „Gefahr“ erklärt wird, kippt die Atmosphäre – leise, aber unumkehrbar.

Im zweiten Teil öffnet sich der Film stärker ins Innere. Rückblenden, durchzogen von Tagebuchfragmenten der Mutter, zeigen zwei junge Menschen in den 1980er Jahren zwischen Aufbruch und Selbstverlust. Liebe, Drogen, Ekstase – und der langsame Absturz. Simón bleibt dabei konsequent unaufgeregt. Kein Urteil, keine moralische Einordnung. Gerade diese Zurückhaltung verleiht den Bildern ihre Wucht. Der Höhepunkt ist ein albtraumhafter Totentanz, der das Unsagbare in eine eindringliche Bildsprache übersetzt. Hier verdichtet sich, was zuvor nur angedeutet wurde: Verlust, Scham, Verdrängung – und ihre Folgen.

Llúcia Garcia trägt den Film mit großer Präzision. Ihre Marina ist keine laute Rebellin, sondern eine genaue Beobachterin. Eine, die versteht, dass Schweigen kein Schutz ist, sondern ein Erbe, das weitergegeben wird. »Romería« ist damit nicht nur ein weiterer autobiografischer Film Simóns, sondern vielleicht ihr persönlichster. Einer, der nicht erklärt, sondern freilegt – und gerade darin lange nachhallt.

Grit Dora

 

romeria.pifflmedien.de